Liebesleben

Liebes Leben

Liebes-Leben

ein Leben voller Leben

lebst mit mir und ich mit dir

Liebesleben

liebst du mich?

hart und tief

oder flach und weich

mich lieben

Leben

ist gar nicht leicht

aber dich lieben

Leben

macht mich reich

 

Schreiben.

Schreiben. Gegen die Schwere im Herzen. Gegen die Atemlosigkeit. Gegen den Beton, der mir auf der Lunge liegt. Gegen die Kälte, die in mir einen Kampf gegen Hitzewellen führt. Schreiben gegen die Wortlosigkeit. Gegen das sich doof finden. Gegen das nicht genug. Nur genug Worte, genug gute Worte, die alles sagen. Gegen Tränen anschreiben und die Wut, die irgendwo in den Venen vibriert. Und für Träume. Für die Tiefe, die lange vergraben war. Schreiben gegen die Hoffnungslosigkeit und für die Hoffnung. Gegen die Schwärze und für das Licht. Schreiben für das Leben und gegen den Tod.

Schreiben, nur für Dich. Für Dich, der Du hättest sein können. Und der, der Du heute bist. Schreibe Dich, in all Deinen Farben, in all Deinen Mustern. Schreib Dich rund. Schreib Dich bunt.

***

Mama hör auf zu labern. Du laberst immer den gleichen Scheiß. Als hättest Du nur einige wenige Worte im Repertoire. Lies mehr Literatur Mama, dann kannst Du die Scheiße wenigstens in schöne Worte kleiden. Mama Du bist oberfaul. Unecht. Du bist nicht Du. Hast Du selbst gewusst, dass Du nicht Du bist? Kennst Du Deine Schmerzen und spürst Du, wie sie in Dir wüten? Spürst Du die Kälte, die in Dir ist und wie sie alle um Dich herum erstarren lässt? Mama, tust Du Dir eigentlich selber leid? Oder tut Dir irgendjemand leid, den Du gequält hast? Hörst Du Dir manchmal selber zu und langweilst Du Dich dabei auch so wie ich? Auch wenn Du nicht mehr da bist, spult sich Deine Kassette immer noch in meinem Kopf ab. Und sie erzählt immerzu den gleichen Scheiß. Mama, hör auf zu labern. Du erzählst so viel Müll. Oh ja, so viel Müll! Und weißt Du wie ich lächele, wenn ich daran denke? Ich amüsiere mich über Dich. Und ein bisschen tust Du mir leid, aber nur ein wenig. Nicht zu viel, nicht so sehr, dass Du entschuldigt wärst. Scheiße labern ist nicht zu entschuldigen. Ich unterstelle Dir einfach Unwissenheit. Nicht wissen in Sachen Mütterlichkeit. Es macht Spaß, Dir zu sagen, was Du für einen Scheiß redest. Ich lache laut. Dabei weine ich. Ich liebe das Wort. Scheiße. Du sagtest immer, dass ich scheiße bin. Aber eigentlich meintest Du doch Dich. Eigentlich meintest Du immer Dich. Deine Welt dreht sich nur um eine Achse, dreht sich nur um Deinen eigenen Kreis. Und manchmal hast Du Dich zuviel gedreht, dann hast Du Dich selbst in Deinem eignen Kreis verloren. Immer wieder Migräne. Arme Mama. Was ist nur aus Dir geworden. Hast Du Dich nicht manchmal gefragt, was aus Dir hätte werden können, wenn Du nur einmal Liebe zugelassen hättest? Hast Du Dich nicht einmal gefragt, wie Dein Herz wohl reagiert hätte, wenn Du es geöffnet hättest für jemand anderen als nur für Dich selbst? Manche Dinge, Mama, gehen nie vorbei. Deine Worte zum Beispiel. All die Scheiße müssen wir für Dich schlucken. Das hat mich krank gemacht Mama. Du hast mich krank gemacht. Aber ich bin Dir nicht böse, ich war es, aber jetzt denke ich nur: Hör einfach auf, zu labern. Und scher Dich zum Teufel.

Copyright by Till Westermayer/flickr.com

Wer bin ich – ohne das Essen?

Ich lese gerade ein Buch, das mich sehr beschäftigt. Darin geht es um Essstörungen oder mehr, warum manche Menschen Essen als Mittel nutzen, um ihre Gefühle zu unterdrücken, ihre Leere zu füllen und mit Kummer klarzukommen. Mir war schon immer bewusst, dass ich esse, weil ich bereits als Kind an Hunger litt. Hunger an Liebe. Ich litt schon damals sehr, so sehr, dass ich manchmal den Schmerz kaum aushielt. Glaubt mir, ich hatte ein großes Kuscheltier (dieses habe ich heute noch), das all meine Tränen immer aufsaugen musste. Ich weiß noch, dass es oft komplett durchnässt war. Dass ich oft so viel schluchzte, dass ich danach heiser war. Und ich weiß noch, dass mir das Essen der einzige Trost war.

Dieses Muster hat sich bis heute wie eine Konstante in meinem Leben gehalten. Ja, vielleicht war es die einzige Konstante, die es überhaupt jemals in meinem Leben gab. Ich konnte mich wirklich gut auf das Essen verlassen. Es war immer für mich da. Es passte sich meinen Bedürfnissen an, wenn ich Lust auf Süßes hatte, schob ich mir Schokolade rein. Ja, dem Essen war es wichtig, wie es mir ging. Hier konnte ich meinen Bedürfnissen nachgehen. Hier konnte ich mich fallenlassen. Hier konnte ich SEIN.

Das klingt pervers oder? Ich weiß *lächel* aber so ist das, das ist sie, die nackte Wahrheit. Was aber auch die Wahrheit ist, ist die Tatsache, dass ich mich mein ganzes Leben lang gehasst habe. Dass ich mich nie so gut fand wie ich bin. Ich wollte immer anders sein. Vielleicht hätten mich meine Eltern dann lieb. Vielleicht würden sie dann stolz auf mich sein. So dachte ich jahrelang. Ich wollte immer anders sein, irgendwie besser. Die perfekte Tochter, die erfolgreiche, die schöne, zu der man aufschauen kann. Ich war überzeugt davon, wenn ich nur schlank wäre, würden sie mich lieben. Gleichzeitig aß ich. Dazwischen nahm ich immer wieder mal ab. Dann aß ich wieder. Egal wie ich war, es änderte sich nichts.

Die meisten Menschen – und ich beziehe mich da ausdrücklich mit ein – sind ihr ganzes Leben lang damit beschäftigt, sich zu einem “besseren” Menschen zu machen. Weil wir uns nicht akzeptieren wie wir sind, tun wir Dinge, die unser Ich verbessern sollen. Wir lächeln, obwohl uns nach weinen zumute ist. Wir gehen zum Spieleabend, obwohl wir lieber allein sein wollen. Wir arbeiten so viel, dass wir davon krank werden, weil wir denken, dass wir als erfolgreicher Mensch glücklicher sind. Und wir machen Diäten, weil wir denken, wenn wir nur schlanker sind, werden wir mehr geliebt. Sind begehrenswerter. Und mögen uns mehr. Dem scheint nicht der Fall zu sein – laut der Autorin des Buches. Sie hat selbst ihr Leben lang Diäten gemacht und danach wieder zugenommen. Und begegnet in ihren Retreats hunderten Frauen, die schon einmal schlank waren und dennoch nicht glücklicher. Wenn wir wieder einmal gescheitert sind, wir wieder mal eine Diät abbrechen, bestrafen wir uns noch mehr.

Ich esse, wenn ich traurig bin. Wenn ich mich einsam fühle. Wenn etwas nicht so klappt wie es soll. Wenn ich wütend bin oder gereizt. Wenn ich gestresst oder überfordert bin. Und um mich zu belohnen, mir was zu gönnen, Genuss zu empfinden. Wenn man es so sieht, gibt es immer einen Grund.

Die Autorin schreibt, dass Veränderung erst möglich ist, wenn uns klar ist, was wir über uns denken. Damit ist das gemeint, was uns unsere “Geschichten”, die wir als Kind verinnerlicht haben, weismachen wollen. Was wir wirklich vom Leben halten. Ob wir als Single wirklich so happy sind. Und warum Erfolg uns zu einem besseren Menschen macht. Alle Gedanken, die wir uns selbst nicht eingestehen, aber die unterschwellig immer da sind.

Was hätten wir noch im Leben, wenn wir das Essen als Betäubungsmittel nicht mehr hätten?

Wir dürfen nicht mehr vor uns selbst weglaufen. Ich will nicht mehr vor mir selbst weglaufen. Ich will mich nicht länger betäuben. Ich habe mich 31 Jahre lang betäubt. Das, was passiert ist, liegt lange zurück. Und immer noch betäube ich mich, um den Schmerz von damals nicht fühlen zu müssen. Oder besser, seine Auswirkungen. Die Unzufriedenheit. Das Unglücklichsein. Die Einsamkeit. Der Mangel an Liebe. Wie es ist, mir selbst Liebe zu geben weiß ich nicht. Das Essen war meine Liebe. Wenn das nicht mehr ist, was mache ich dann? Wie fühlt sich das Leben an, wenn man nicht betäubt ist? Kann ich mich im Spiegel ansehen, wenn ich erkenne, wer der Mensch hinter alldem wirklich ist? Kann ich mich überhaupt lieben, wenn ich mich so sehe?

Einer dieser Nächte in denen Trauer und Glück nah beieinander liegen

Ich muss da durchgehen. Aber ich habe Angst. Gleichzeitig spüre ich Leichtigkeit. Der Gedanke, das Essen endlich loslassen zu können, um ich zu sein, ist ein guter Gedanke. Den ganzen Abend saß ich im Schneidersitz im Bett. Das Buch auf dem Schoß, den Labtop daneben. Ein Glas Wein davor. Und im Arm mein altes Kuscheltier, das, was schon so viel mitgemacht hat. Und während ich las und schrieb weinte ich. Aber ich lächelte unter den Tränen. Denn zum ersten Mal ergibt das alles einen Sinn. Als würden sich Puzzleteile ineinander fügen. Auf einmal sehe ich Licht am Horizont.

Es geht nicht darum, das Glück zu finden. Es geht darum, mich selbst zu lieben und alles Leid, was ich mir selbst zufüge, zu beenden.

 

 

* Copyright des Beitragsbildes by Till Westermayer/flickr.com

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Einer dieser Tage…

In meinem Mund schmilzt die Schokolade. Sie versucht, den bitteren Geschmack des Tages mit all ihrer Süße zu verdrängen. Ich spüre, dass nicht gut ist, was ich tue. Es ist nicht gut, das Gefühl des Alleinseins mit Schokolade zu stillen. Es war einer dieser Tage, die man nicht gerne erlebt. Einer dieser Tage, die einen an den Rand seiner Kraft bringt und verloren zurücklässt, weil man eines nicht mehr hat – das Gefühl, alle Hürden nehmen zu können, so wie man es die letzten Monate, so wie man es immer getan hat. Dabei war das ganz schön schwer. Nicht nur sich immer wieder zu motivieren, aufzurichten, über sich hinaus zu wachsen. Und gleichzeitig für andere da zu sein. Für Kunden, Freunde, Familie, Hund.

Die Schokolade hat inzwischen einen leicht pelzigen Geschmack auf der Zunge hinterlassen. Nun stehe ich hier und es ist niemand da, der nun mich aufrichtet, weil ich es gerade nicht kann. Vielleicht kann ich es morgen wieder oder übermorgen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Aber wäre es nicht schön, aufgerichtet zu werden in dem Moment, in dem man zu fallen droht? Oder in dem man sich gerade das Kinn blutig schlägt, weil man wie ein ICE gegen die Steinmauer gedonnert ist? Ich denke, es wäre ok, wenn es nicht so weh getan hätte, dieser Fall heute. Es wäre ok, es alleine zu schaffen, es wäre ok, mit mir selbst zu sein. Ich bin gerne mit mir.

Es tut gut, die Worte aus meinem Hirn, aus diesem Wirrwarr, diesem festgezurrten Knoten, aufs Papier zu bringen. Ihnen so Gehör und eine Daseinsberechtigung zu geben. Mein Kopf schmerzt ob all der Gedanken, die in ihm kreisen. Die Angst. Das Durcheinander. Dieses Leben, das ich in Worte zu fassen kaum möglich bin. Dazwischen Sätze wie “Du bist immer stark, jetzt bist Du es mal nicht, na und”, “Du kannst nicht immer alles allein schaffen”, “Es ist ok, traurig zu sein, stell Dir das mal vor” und “Du bist mutig, so mutig!”.

Heute kann ich nur weinen.

Kommen wir immer wieder an den gleichen Punkt in unserem Leben? Egal wie alt wir werden? Warum gibt es Menschen, die immer nur sich selbst sehen und nicht daran denken, dass es da noch andere gibt, die ebenso viel geben müssen? Die nicht daran denken, wie es einem wohl gehen könnte, wenn man ein unempathischer Idiot ist. Oder die einen willentlich klein machen wollen. Ich weiß, es gibt immer zwei Pole. Und ja, es gibt Menschen, die mich mit ihrer Arroganz derart erschlagen, dass ich dem nichts entgegensetzen kann. Es wäre nur leichter, wenn dies nicht Menschen wären, von denen man abhängig ist.

Niemand kann mir geben, was ich mir selbst nicht gebe kann. Ich lächle, auch wenn mir gar nicht danach zumute ist, nur damit Du lächelst, mein Herz. Ich mache Dir Mut, auch wenn ich mich selbst gerade gar nicht mutig fühle, mein Herz. Ich umarme Dich in Gedanken, obwohl ich selbst nach einer Umarmung zehre, mein Herz. Jetzt lächle ich nicht. Ich bin auch nicht mutig. Es ist schwer, alles richtig zu machen, mein Herz.

Andreas Bourani singt: Sei nicht so hart zu Dir selbst. Ich glaube, er spricht von mir. Wenn die Angst Dich in die Enge treibt und es nicht mehr zum Gegenhalten reicht. Andreas, woher weißt du? Auch wenn alles zerbricht, geht es weiter für Dich. Denkst Du wirklich? Das ist ja leicht gesagt Andreas. Hey! Ja, hey. Na Du. Du brauchst nur weiter zu gehen. Ja, das mache ich. Es geht ja nur in eine Richtung – vorwärts.

Ich würde nicht sagen, dass ich das schwerste Leben von allen habe. Ich weiß, es geht viel viel schlimmer. Die Tragödie meines Leben ist das Gefühl, nirgendwo hinzugehören – mich nirgends zuhause und warm und geborgen zu fühlen.Es ist möglich, eine Angst über eine Weile zu unterdrücken. Dass man Angst hat, all die Erwartungen zu erfüllen. Sich selbst und anderen gerecht zu werden. Angst, nicht mehr mutig sein zu können, noch während man mutig ist. Angst, nicht 100% geben zu können, noch während man 100% gibt. Angst zu scheitern, obwohl man noch gar nicht scheitert. Aber irgendwann kommt sie doch wieder hochgekrochen. Will angesehen, gefühlt werden. Und jedes Mal fühle ich mich als würde ich ins offene Messer laufen.

Und wieder stehe ich an diesem Punkt, an diesem einen Punkt, an dem ich mich frage: Wo ist mein Weg? Ich will glücklich sein.

Im Regen stehen wir niemals allein. Ach Andreas, das wäre schön, ja, das wäre schön.

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Ich wünsche mir mehr “leben” in meinem “Leben”

Der Kaffee ist nicht stark genug. Ich koche mir einen Neuen. Ich sitze auf meinem Balkon im Liegestuhl und lese. Ich lese etwas von “nach innen gehen” und “mit dem Körper verbinden”. Und ich schließe die Augen und denke: Dann geh ich doch mal nach innen. Vielleicht mache ich es falsch, denn da ist nichts. Ein bisschen Atem, ein bisschen Kribbeln und Pulsieren. Aber sonst. Ich bin frustriert. Ich höre Musik, die ist ganz schön. Dann ein Lied, das so gar nicht passen will zu diesem Samstag morgen Liegestuhl-Moment. Ich nehme mein Handy in die Hand und will wissen, ob mir jemand geschrieben hat. Nichts. Also gehe ich auf Facebook, aber das frustriert mich auch. Also stehe ich auf. Der Teppich ist an einigen Stellen ergraut, nicht “weiß” genug – ich stecke ihn in die Waschmaschine. Und hänge die Wäsche, die ich zuvor gewaschen hatte, auf den Wäscheständer. Ich bin zufrieden. Dann fällt mein Blick aufs Bett und ich denke, die Bettwäsche könnte frischer sein, nehme sie und hänge sie auf den Balkon. Dann setze ich mich wieder in meinen Liegestuhl und lese ein paar Zeilen. Da steht etwas von “Wunsch in sich verankern”. Gut. Augen geschlossen und wünschen. Ich sehe meinen Wunsch ganz klar vor mir. Und nun? Ich bin ratlos. Der DHL-Wagen fährt vorbei. Ich springe auf – warte ich doch seit Tagen darauf, dass meine Pakete abgeholt werden. Ich lasse meinen Hund mit hinaus und gehe dem Postmann entgegen. Bitte ihn, meine Pakete mitzunehmen. Kann er nicht, sagt er. Er sei Express. Und läuft weiter. Lässt mich einfach stehen. Ich bin wütend. Und zweifle an dem Service der Deutschen Post. Schließlich bin ich die, die immer alle Pakete der Nachbarn annimmt. Damit ist jetzt Schluss, beschließe ich und gehe wütend in die Wohnung zurück. Ich hole den Staubsauger aus dem Schrank und fange an, den Boden zu saugen, auf dem zuvor der Teppich lag. Ich sehe mir meinen Fußboden an und denke, immer sieht er dreckig aus. Tja, ist halt so wenn man einen Hund hat. Gleichzeitig ärgert es mich. Es ist mir einfach nicht sauber genug.
Kaum bin ich fertig mit saugen kehre ich auf meinen Liegestuhl zurück. Ich denke, was ein typischer Samstag morgen. Ein Samstag morgen, an dem nichts, aber auch nichts, gut genug zu sein scheint. Es klingelt an der Tür. Hermes. Eigentlich wollte ich meine Pakete erst mit Hermes verschicken – dann ging aber mein Drucker nicht und ich konnte die Paketzettel nicht ausdrucken. Also habe ich es wieder storniert. Das hat dem armen Zusteller aber niemand mitgeteilt. Es scheint mir so verrückt, dass es eigentlich nicht wahr sein kann. Hermes, die ich storniert habe, kommen, aber DHL, die ich bezahlt habe, kommen nicht und lassen mich stehen. Ist hier irgendwo die versteckte Kamera? Oder möchte das Leben einfach mal meine Geduld testen? Es ist wohl gerade nicht die Zeit der Leichtigkeit. Das Dinge leicht funktionieren. Und ich unterhalte mich mit dem Hermes-Mann und er sagt: Es ist alles scheiße hier und er geht. Ab 1. Juli wars das mit dem Job. Und ich denke, richtig so und sage es ihm auch. Warum verharren die einen Menschen in unzufriedenen Situationen und andere ziehen die Konsequenzen und verändern etwas? Bin ich nicht auch genauso stark wie dieser Postbote? Warum sollte ich weniger stark sein? Warum soll ich als einziger Mensch auf der Welt in meinem Leben feststecken? Nun ja, so ganz stecke ich nicht fest – im letzten Jahr hat sich viel verändert. Aber eben wieder “nicht genug”. Werde ich jemals in meinem Leben an einem Punkt sein, an dem etwas einfach “gut genug” ist? Werde ich mir meinen Fußboden anschauen und meine Wohnung und sagen: Genau so ist es gut? Nein, ich habe keinen Putzfimmel, im Gegenteil. Meine Wohnung ist vielmehr Spiegelbild meiner Seele. Alles etwas zu eng, alles etwas zu voll und alles etwas zu chaotisch. An einigen Stellen sieht man, dass man versucht hat, es schöner zu  machen und das ist auch gelungen. Aber eben – nicht genug. Es ist nicht genug schön, es ist nicht genug groß, es ist nicht genug dass, wie ich leben möchte. Und während ich das denke, sehe ich vor meinem inneren Auge ein Haus mit einem Garten mit altem Baumwuchs aus Laub- und Obstbäumen. Ich sehe eine weiße Bauernküche und ein gemütliches Wohnzimmer mit Kamin. In diesem Haus ist es nicht eng, mein Garten ist voller Tiefgang und in seiner Unperfektheit wunderschön. Die Dinge verändern sich. Wünsche verändern sich. Manchmal denke ich, vielleicht bin ich mir selbst doch genug. Dennoch ist da immer noch der Wunsch nach “leben” in meinem “Leben”. Denn davon kann man nie genug haben.

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Von Familie, Loslassen und einem fetten Schlussstrich

Warum müssen wir uns in unserem Leben immer wieder von unserer Familie lösen? Von Menschen, die wir mögen? Es ist jedes Mal als würde jemand gewaltsam eine Verbindung zum Herzen kappen, deren Stelle dann austrocknet, weil sie nicht mehr belebt wird. Ein Ausbluten im Innen und im Außen ein Verloren sein. Und wir fragen uns, warum uns das Herz weh tut und bemerken nicht, wie sehr es nach und nach austrocknet. Ich bemerke es, ich spüre es, ich sehe es. Ich kann die Augen nicht verschließen. Und erkennen, dass alles in Wahrheit auf dem nicht vorhandenen Verhältnis zu meinen Eltern basiert. Doch auch wenn ich mir sage, dass ich doch damals eine Familie hatte – schließlich lebte ich dort, zermürbte meiner Mutter täglich die Nerven und war in all den anarchischen Kämpfen immer mittendrin – so hatte ich sie doch nie wirklich. Denn das, was eigentlich in einer Familie herrschen sollte wie Liebe, Zusammenhalt, Urvertrauen, Rückhalt – all das gab es bei mir nicht. Und das ist es was ich eigentlich vermisse. Und was mich so verloren sein lässt.

Warum müssen wir immer härter werden, je älter wir werden? Einst bin ich mit offenem Herzen durch die Welt gegangen, habe jeden hinein gelassen, an alles geglaubt – vor allem an die Liebe und an Freundschaft. Ich war so ausgehungert. Doch was ich nach vielen menschlichen Enttäuschungen gelernt habe, ist, dass wir uns selbst doch am Nächsten stehen. Und dass, wenn es darauf ankommt, man sich nur auf sich selbst verlassen kann. Das ist schwer, wenn man eigentlich noch gar nicht so in sich selbst gefestigt ist, um diese große Lebensaufgabe zu tragen.

Ich bin so müde, zu kämpfen. Ich bin so müde, immer wieder von vorne anzufangen. Zu vertrauen und wieder enttäuscht zu werden. Nun – vielleicht bin ich dumm. Scheinbar bin ich immer wieder Täuschungen aufgelegen. Scheinbar war das, was ich annahm, wieder ein im Außen konstruiertes wackliges Gerüst, das meine Sehnsucht nach dem, was Familie eigentlich bedeuten sollte, im Inneren widerspiegelt.

Liebe, Zusammenhalt, Urvertrauen, Rückhalt in einer Familie ist nicht zu ersetzen. Niemals. Und so bin ich mir selbst meine Familie – ein recht schwacher Trost, den mir mein Kopf nicht so recht abnehmen möchte. Aber auf mich kann ich mich wenigstens verlassen. Sicher, auch ich mache mir manchmal etwas vor. Auch ich halte oft nicht zu mir. Auch ich liebe mich oft nicht selbst. Auch ich habe kein Urvertrauen zu mir selbst. Deshalb hinkt die Definition. Ich weiß, ich laufe an Krücken, auf wackligem Boden. Aber was bleibt einem anderes übrig als zu lernen, sich selbst der Nächste zu sein? letztlich ist das die Wahrheit: Keine andere familiär-wirkende Struktur wird meine eigene retten können. Denn diese ist vor langer Zeit schon vollends in Asche zerfallen. Und damit muss ich mich endlich abfinden.

Das Leben scheint Schleifen zu drehen. Immer wieder das Gleiche erleben, immer wieder am selben Punkt enden. Sich immer wieder die gleichen Fragen stellen.

Warum bin ich hier?

Was hat das alles für einen Sinn?

Sind es die Anderen, die mich so verloren machen oder bin ich es selbst, die sich verliert?

Was kann ich tun, um für mich meine Wunschfamilie zu sein, mich zu lieben, zu unterstützen und immer für mich da zu sein?

Was kann ich dafür jetzt, heute und morgen tun?

Wenn es weh tut, steckt meist ein nicht erfülltes Bedürfnis dahinter. Mein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Freundschaft wurde nicht erfüllt – wie kann ich mir dieses nun auf anderem Wege erfüllen?

Das Leben ist unberechenbar. Nicht vorhersehbar. Aber ich glaube fest daran, dass Dinge passieren, damit man etwas lernt, daran wächst und sich weiterentwickelt. Nun scheint ein neues Kapitel angebrochen. Nun darf ich nochmal hinschauen, vor allem auf mich schauen. Es ist Zeit, einen Schlussstrich unter Dinge zu setzen, die mir nicht mehr gut tun. Und vielleicht ist dies gar nicht mehr so schwer, wenn man für sich erkennt, dass das, was man dachte, zu brauchen, gar nicht braucht.

Von Erdung und Erleuchtung: Ein Weg zu mir selbst

Copyright by Findingthehappiness

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Es ist lange her, dass ich inneren Frieden spürte so wie ich ihn heute spüre. Heute bin ich ganz nah bei mir, auch wenn ich gar nicht weiß, wo das ist. Ich bin da. Und ich bin da, wo ich bin. Ich fühle das Kribbeln unter meiner Haut, ich rieche den Duft der Körperlotion, mein Atem geht zufrieden tief. Fast ist es, als würde er die Luft anhalten, nur um die Tiefe des Atmens auszukosten. Mein ganzer Körper ist in Ruhe gehüllt. Ich fühle mich wie der Berg, von dem in Meditationen so oft gesprochen wird. Sei der Berg, der im Tumult des Lebens ruhig und gelassen bleibt. Der Stürmen trotzt und stark und kraftvoll seinen Platz in der Natur einnimmt.
Ich wollte immer dieser Berg sein. Ich wusste ich wäre ein guter Berg, der seinen Bewohnern ein schönes Heim und Schutz bieten würde. Doch das kurzminütige Rollenspiel in Meditationen hat mich meinem inneren Berg nicht näher gebracht. Im Gegenteil, sobald ich die Augen öffnete, rollte der Sturm des Lebens über mich und nahm alles an Ruhe mit, was ich in der Meditation gewonnen hatte.

Heute bin ich der Berg. Heute ist Muttertag und es ist nicht der Tag meiner Mutter. Es ist mein Tag. Ich habe ihn zu meinem Tag gemacht, nicht aber weil ich es so beabsichtigt hatte. Ich erinnerte  mich daran, wie sehr ich die ausgiebigen Spaziergänge mit meinem Hund genossen hatte. Und so beschloss ich heute morgen, mit ihm in unser altes Waldgebiet zu fahren, der uns so viel Freude bereitet hatte. Mit Ball, Dummy-Beutel und einer großen Portion Entschlossenheit bewaffnet machten wir uns auf.

Ich war fast überrascht, als ich Spaß hatte. Als ich mich laut lachen hörte wenn mein Hund wie wild dem Ball hinterherrannte. Wir machten Übungen, die meine Geduld auf sehr harte Probe stellten. Dann spielten und spazierten wir. Ich merkte wie nach und nach Last von meinen Schultern fiel. Er blieb regelrecht auf der Strecke. Ich tat nichts, außer mit meinem Hund zu sein. Dann passierte etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich zog meine Schuhe aus und ging barfuß. Und das sollte heute alles verändern. Es war komisch, so geerdet zu sein. Steine bohrten sich in meine Fußsohlen, es piekste, es schnitt, teilweise tat es richtig weh. Ich spürte den Drang, dem Schmerz zu entgehen und die Schuhe wieder anzuziehen. Doch ich lief weiter. Nadelboden wechselte sich ab mit Sand, Erde, Blätter, Wurzeln, Steine. Jeden einzelnen Stein, jede Nadel die mich piepste, jeder Sand, der meinen Fuß streichelte, nahm ich bewusst wahr. Ich dachte darüber nach, dass das Leben genau wie dieser Waldboden ist. Du weißt beim nächsten Schritt nicht, ob es schmerzen oder wohl tun wird. Du weißt nicht, was Dich erwartet und trotzdem gehst Du weiter. Und egal wie groß der Schmerz unter Deinen Füßen ist, Du gehst einfach weiter. Denn beim nächsten Schritt könnte schon wieder weicher Erdboden unter Deinen Füßen sein und Du würdest Dich gut fühlen. Genau so war mein Leben – ich ging immer weiter, obwohl ich so viel Schmerz erfahren hatte. Und als mir das klar wurde, entdeckte ich die Liebe zu mir.

Es geht nicht darum ob es weh tut oder sich gut anfühlt. Es geht darum, dass wir weitergehen. Dass wir nicht stehen bleiben oder es uns leicht machen und die Schuhe anziehen. Wir gehen weiter und erleben Schmerz, aber auch Freude und Wohlgefühl ganz intensiv. So ist das Leben, das ist das Leben.

Mir fiel auf, dass ich zu Beginn immer auf den Boden geschaut hatte. Ich versuchte, Steinen und Wurzeln auszuweichen, dem Schmerz zu entgehen. Das gelang mir nicht wirklich. Irgendwann nahm ich bewusst den Kopf hoch und schaute straight forward. Ich bemerkte das tiefe Grün der Bäume und wie friedlich es um uns herum war. Mein Hund lief bei Fuß nehmen mir und wunderte sich wohl, er bekommt meine Gefühlswelt immer hautnah mit und spürt, wenn ich friedlich bin. Und so liefen wir und egal welcher Stein meinen Fuß schmerzte, ich ging weiter. Ich blieb nicht stehen. Ich war sehr überrascht, wie angenehm der Waldboden ist. Nadeln werden in der Masse zu einem weichen Bett, Wurzeln waren gar nicht unangenehm und die kühle Erde linderten meine Fußsohlen, die inzwischen tief durchblutet waren.

Zuhause angekommen säuberte und massierte ich meine Füße, sie haben mir heute eine neue Welt gezeigt. Ich bin tief dankbar. Ich hatte nichts großes getan, nichts außergewöhnlich-erleuchtendes. Ich habe mich nur geerdet, indem ich die Erde und alles was mit ihr zu tun hat spürte. Ich habe gelernt, dass aller Schmerz vergeht und wir nicht wissen können, welcher uns als nächstes trifft. Wir können nichts gegen ihn tun, außer unseren Weg weiterzugehen. Den Kopf erhoben mit Blick nach vorne und jeden Schritt genießen. Wenn wir beginnen, nicht mehr zu bewerten sondern dem Auf und Ab neugierig und offen wie ein Kind zu begegnen werden wir feststellen, dass es gar nicht schlimm ist, wenn es gerade weh tut. Schmerz kann uns helfen, noch stärker zu werden, noch klarer zu sein und noch weiter nach vorne zu gehen. Er hilft uns dabei, uns zu spüren und uns damit im Nichtfühlen des Alltags wiederzufinden. Es ist aber auch klar, dass auch ein Wohlgefühl kommen wird. Vielleicht nicht beim nächsten Schritt, vielleicht nicht morgen. Aber es wird kommen.

Und wenn Schmerz und Wohlgefühl gegangen sind, dann sind wir die, die bleiben. Menschen in Frieden, die bleiben.

 

Herz

Mein Herz tut weh

es drückt

mit aller Gewalt an meine Brust

es will hinaus, die Kälte

die alles Blut in den Adern gefrieren lässt

es schlägt und pumpt, stemmt sich gegen die geschlossne Türe

bis sie zerspringt

bis sie zerspringt

und Licht ins Dunkel weht

 

Mein Herz tut weh

so sehr

als ich Dich

sterben sah

und die Wut war vergangen

wohin kann ich nicht sagen

vielleicht ist sie mit dem Dunkel davon geschwommen

das Herz schlägt benommen

und warmes Blut zieht seine Runden

aus den Augen fallen Liebestropfen

die sich an Deine Nasenspitze schmiegen

wie wir ineinander in den Armen liegen

Kopf an Kopf

und mir klar wird

ich lasse Dich nicht mehr los.

 

Mein Herz tut weh

aber es ist ein guter Schmerz

ein Schmerz des Öffnen und des Heilens

ein vergessenes Gefühl,

das sich spüren, sich selbst spüren

Ohne Dich wäre das Herz weiter verschlossen

es wäre als Stein in die Geschichte eingegangen

klein, rund und scharf hätte es alle Lebewesen von sich gehalten

es hätte sich aufgeplustert

und große Reden geschwungen,

sich bei kleinster Liebe in die Körpertiefe verzogen

es hätte sein Dunkel schön geredet

und geredet

und geredet

und geredet.

 

Hör auf zu quatschen

und fange an zu fühlen

lass mich fühlen,

Liebe spüren

und durchdrehen

mich täglich neu verlieben

und einmal richtig über beide Ohren

vernarrt sein

in mich, aber vor allem in Dich

vor allem in Dich

jeden Tag Deines Lebens in Dich.

 

 

In Dankbarkeit an meinen Liebling, dass er da ist obwohl ich oft so doof zu ihm war. In Dankbarkeit, dass es ihm gut geht. In Dankbarkeit, dass seine Liebe stärker ist als Angst.

Über Gewalt an Kindern redet man nicht

Copyright by Brandon Warren/flickr.com

Copyright by Brandon Warren/flickr.com

Gestern kam auf Sat1 ein bewegender Film über häusliche Gewalt. Die Protagonistin wurde von ihrem Mann isoliert, gedemütigt, geschlagen und sollte am Ende um ihr Leben bangen. Ich habe mir diesen Film angesehen, um mich mit der Gewalt zu konfrontieren, die ich nur zu gut kenne, die ich aber so weit verdränge, dass es scheint, als sei sie nie dagewesen. Dieser Film brachte Erinnerungen zurück. Und er erzeugte sowohl Mitgefühl und Verständnis als auch Ärger und Unverständnis. Denn eines verstehe ich nicht: Über Gewalt an Frauen wird gesprochen – über Gewalt an Kindern nicht. Warum vergessen wir die schwächsten unter uns? Warum schützen wir nicht die unschuldigen Seelen, die unter der Gewalt, die ihnen angetan wurde, ihr ganzes Leben lang leiden werden?

Ist es, weil Kinder nicht darüber reden können?

Ist es, weil Kinder keine Stimme mehr haben und wir ihr keine neue geben?

Oder ist es so furchtbar, dass wir Angst davor haben, uns dieser Vergewaltigung von Kinderseelen zu stellen?

Gewalt in Beziehungen, Gewalt an Frauen ist schrecklich und es ist gut, dass ihr ein Rahmen gegeben wird, damit wir erkennen, welche furchtbaren Dinge hinter geschlossenen Türen geschehen.

Aber was ist, wenn beide Elternteile Gewalt an ihrem Kind üben? Welche Chance hat dann ein Kind, zu gehen? Welche Chance hat es, sich zu wehren? Welche Chance hat es, ein starker, selbstbewusster Mensch zu werden?

Keine.

Ein Kind kann nichts, aber auch gar nichts tun.

 

“Ich lernte, dass Hilflosigkeit ein stetiger Begleiter meines jungen Lebens wurde. Dass es normal ist, dass die Haut brennt, von all den Schlägen. Ich lernte, dass es nichts bringt, wenn ich weine und dass ich mit jedem mal danach noch einsamer bin als zuvor. Ich lernte, dass Vertrauen etwas schlechtes ist, ich lernte, das Vertrauen Beschimpfung und Abwertung bedeutet. Ich weiß nicht, wie sich eine Umarmung von meiner Mutter anfühlt. Ich weiß nicht, wie es ist, Rückhalt zu haben. Ich lernte, dass Schläge gar nicht so sehr weh tun, dass Worte schärfer sind als jede Härte der Faust.
Ich lernte mein Leben auf wackligen Stelzen, mit einem Fundament voller Stolpersteine und Risse. Ich lernte, nicht ich zu sein. Denn ich bin nicht würdig, zu leben und glücklich zu sein. Niemand hörte meine Schreie, mein Weinen. Nachbarn waren begeistert von den Eltern, die ich nicht Mama und Papa nennen konnte. Irgendwann nannte ich sie beim Vornamen. Und irgendwann redete ich gar nicht mehr. Mit 12 Jahren wollte ich tot sein und wiedergeboren werden – als Kind mit liebenden Eltern.”

Mache die Augen auf. Wir müssen unsere Kinder beschützen. Ein Kind ist ganz allein. Es hat keine Hilfe. Es kann keine Hilfe holen. Es kann nicht darüber reden, denn für das Kind sind Schläge normal.

Stell Dir vor, Du bist 10 Jahre alt und Gewalt gehört zum Alltag wie essen, trinken, schlafen. Stell Dir vor, Du bist 15 Jahre alt und jeden Samstag holst Du Dir Deine Portion Schläge ab. Stell Dir vor, Dein starker schwerer Vater sitzt auf Dir, Dein Vater, den Du liebst, und er schlägt Deinen Kopf auf den Marmorboden und Du denkst, Du musst sterben.

Stell Dir vor, Du bist 45. Und fügst Dir selbst Gewalt zu, indem Du zu viel isst, trinkst, arbeitest, Dir nichts erlaubst, nicht gut für Dich sorgst, Dich selbst demütigst. Dich selbst verachtest.

Sieh hin. Wir können nicht länger wegsehen.

Heute lasse ich die Hosen runter. Ich bin nie glücklich gewesen.

Copyright by Hartwig HKD

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Ich gestehe: Ich habe viel in meinem Leben falsch gemacht. Ja, ich lasse die Hosen runter – ich kann mir und auch euch nichts mehr vormachen. Mir habe ich nun 31 Jahre etwas vorgemacht. Mir meine Welt gebaut und nicht erkannt, dass die Farben, die ich verwende, verblassen, wenn man mit der Lupe genauer draufschaut. Nicht erkannt, dass das was ich dachte zu sein vielmehr das ist, was andere meinen, wie ich zu sein habe. Ja, ich bin Meisterin der Fassade, wenn es darum geht, die funktionierende toughe alleskönnende Tanja zu sein.

Ich lächle, wenn ich eigentlich weinen möchte. Aber ich kann nicht mal mehr traurig sein.

Ich mache immer weiter, auch wenn ich nichts tun könnte. Ich kann nicht mal nichts tun.

Ich rede, wenn ich schweigen sollte. Und ich kann auch nicht einfach mal die Fresse halten.

Mit 31 Jahren bin ich ein emotionaler Krüppel – mehr als je zuvor. Ich bin weder in der Lage zu flirten noch ein normales Gespräch mit einem Mann zu führen. Ich kann nicht mit Kritik umgehen und mit Ablehnung schon gar nicht. Ich kann mich selbst nicht lieben und nicht einmal mögen. Ich baue täglich Traumschlösser, denen ich nachjage und dann enttäuscht bin, weil ich sie nicht erreiche. Ich wünsche mir ein Leben, dass ich effektiv nicht habe – das ist die Wahrheit, das ist Fakt. Ich habe kein schöneres, reicheres, zufriedeneres, bunteres, schlankeres, erfolgreicheres Leben. Nur das, was jetzt da ist.

Schmerzhaft? Oh ja.

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