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Von Familie, Loslassen und einem fetten Schlussstrich

Warum müssen wir uns in unserem Leben immer wieder von unserer Familie lösen? Von Menschen, die wir mögen? Es ist jedes Mal als würde jemand gewaltsam eine Verbindung zum Herzen kappen, deren Stelle dann austrocknet, weil sie nicht mehr belebt wird. Ein Ausbluten im Innen und im Außen ein Verloren sein. Und wir fragen uns, warum uns das Herz weh tut und bemerken nicht, wie sehr es nach und nach austrocknet. Ich bemerke es, ich spüre es, ich sehe es. Ich kann die Augen nicht verschließen. Und erkennen, dass alles in Wahrheit auf dem nicht vorhandenen Verhältnis zu meinen Eltern basiert. Doch auch wenn ich mir sage, dass ich doch damals eine Familie hatte – schließlich lebte ich dort, zermürbte meiner Mutter täglich die Nerven und war in all den anarchischen Kämpfen immer mittendrin – so hatte ich sie doch nie wirklich. Denn das, was eigentlich in einer Familie herrschen sollte wie Liebe, Zusammenhalt, Urvertrauen, Rückhalt – all das gab es bei mir nicht. Und das ist es was ich eigentlich vermisse. Und was mich so verloren sein lässt.

Warum müssen wir immer härter werden, je älter wir werden? Einst bin ich mit offenem Herzen durch die Welt gegangen, habe jeden hinein gelassen, an alles geglaubt – vor allem an die Liebe und an Freundschaft. Ich war so ausgehungert. Doch was ich nach vielen menschlichen Enttäuschungen gelernt habe, ist, dass wir uns selbst doch am Nächsten stehen. Und dass, wenn es darauf ankommt, man sich nur auf sich selbst verlassen kann. Das ist schwer, wenn man eigentlich noch gar nicht so in sich selbst gefestigt ist, um diese große Lebensaufgabe zu tragen.

Ich bin so müde, zu kämpfen. Ich bin so müde, immer wieder von vorne anzufangen. Zu vertrauen und wieder enttäuscht zu werden. Nun – vielleicht bin ich dumm. Scheinbar bin ich immer wieder Täuschungen aufgelegen. Scheinbar war das, was ich annahm, wieder ein im Außen konstruiertes wackliges Gerüst, das meine Sehnsucht nach dem, was Familie eigentlich bedeuten sollte, im Inneren widerspiegelt.

Liebe, Zusammenhalt, Urvertrauen, Rückhalt in einer Familie ist nicht zu ersetzen. Niemals. Und so bin ich mir selbst meine Familie – ein recht schwacher Trost, den mir mein Kopf nicht so recht abnehmen möchte. Aber auf mich kann ich mich wenigstens verlassen. Sicher, auch ich mache mir manchmal etwas vor. Auch ich halte oft nicht zu mir. Auch ich liebe mich oft nicht selbst. Auch ich habe kein Urvertrauen zu mir selbst. Deshalb hinkt die Definition. Ich weiß, ich laufe an Krücken, auf wackligem Boden. Aber was bleibt einem anderes übrig als zu lernen, sich selbst der Nächste zu sein? letztlich ist das die Wahrheit: Keine andere familiär-wirkende Struktur wird meine eigene retten können. Denn diese ist vor langer Zeit schon vollends in Asche zerfallen. Und damit muss ich mich endlich abfinden.

Das Leben scheint Schleifen zu drehen. Immer wieder das Gleiche erleben, immer wieder am selben Punkt enden. Sich immer wieder die gleichen Fragen stellen.

Warum bin ich hier?

Was hat das alles für einen Sinn?

Sind es die Anderen, die mich so verloren machen oder bin ich es selbst, die sich verliert?

Was kann ich tun, um für mich meine Wunschfamilie zu sein, mich zu lieben, zu unterstützen und immer für mich da zu sein?

Was kann ich dafür jetzt, heute und morgen tun?

Wenn es weh tut, steckt meist ein nicht erfülltes Bedürfnis dahinter. Mein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Freundschaft wurde nicht erfüllt – wie kann ich mir dieses nun auf anderem Wege erfüllen?

Das Leben ist unberechenbar. Nicht vorhersehbar. Aber ich glaube fest daran, dass Dinge passieren, damit man etwas lernt, daran wächst und sich weiterentwickelt. Nun scheint ein neues Kapitel angebrochen. Nun darf ich nochmal hinschauen, vor allem auf mich schauen. Es ist Zeit, einen Schlussstrich unter Dinge zu setzen, die mir nicht mehr gut tun. Und vielleicht ist dies gar nicht mehr so schwer, wenn man für sich erkennt, dass das, was man dachte, zu brauchen, gar nicht braucht.

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