Von unsichtbaren Krankheiten, Grenzen und Erdbeertörtchen

Copyright by Tanja Rörsch

Eine kleine Unachtsamkeit und schon bekomme ich vom Leben die Chance, im Kleinen meine Grenzen auszuloten. Vor ein paar Tagen versuchte ich, den kaputten Metallverschluss einer neu gekauften Essigflasche mit einem Messer, welches ich zuvor noch geschliffen hatte, zu öffnen. Welch eine Dummheit, könnte man sagen. Welch eine Chance, sage ich. Keine Sorge, ich hatte Glück. Ich bin sofort ins Auto gestiegen und ins Krankenhaus gefahren. Dort wurde ich von netten Ärzten noch in der Nacht operiert – ich hatte mir die komplette Sehne an meinem Finger durchgeschnitten. Sicher stand ich ein wenig unter Schock, Schmerz spürte ich nicht. Doch seitdem denke ich viel nach – über die Bedeutung des Geschehenen und die Reaktion meiner Umwelt.


Ich muss euch sagen: Ich habe “nur” einen eingegipsten Arm und dennoch erfahre ich nicht nur von Freunden und Bekannten, sondern auch von Nachbarn und Fremden – beim Einkaufen, in der Apotheke oder in der Klinik – ein ungeahntes Mitgefühl und ganz viel Hilfe und Unterstützung. Ich bin sehr dankbar und es macht mir Mut. Doch über eine Frage denke ich immer wieder nach: Wieso zeigen Menschen mehr Mitgefühl für jemanden mit einem Gipsarm als für einen Menschen, der zuweilen sichtbar, zuweilen unsichtbar traurig, verzweifelt und ängstlich ist? Haben sie das Mitgefühl in gleicher Weise und zeigen es nur nicht? Sind äußerlich ansehbare Krankheiten leichter verdaulich als die, die wir nicht sehen können? Haben wir Menschen Angst vor Dingen, die wir nicht sehen können oder nicht kennen?
Wenn ich über meine Crohn-Erkrankung spreche, eine chronisch entzündliche Darmerkrankung, die zum großen Teil bei Menschen von Mitte 20 bis Ende 30 diagnostiziert wird, beobachte ich eine ähnliche Reaktion meiner Umwelt. Entweder mein Gegenüber denkt, ich stünde kurz vorm Tod oder – das genaue Gegenteil –  es handele sich dabei um ein bisschen Durchfall, z.B im Sinne eines Reizdarms. Bei letzterem verstehen sie nicht, dass, wenn ich Beschwerden habe, mal grad gar nichts geht. Einfaches, reines Verständnis und Interesse, was das wirklich für Betroffene bedeutet ist selten. Bei meinem Gipsarm musste ich hingegen jedem, dem ich traf (und jeder fragte neugierig nach, was passiert sei), ausführlich berichten, wie es dazu gekommen war. Ist das nicht unverhältnismäßig? Hey Leute, ich lebe noch! Ich wünsche mir, dass Menschen mit nicht sichtbaren Krankheiten genauso viel Mitgefühl und Unterstützung erfahren wie ich gerade mit meinem Gips. Auch wenn mich das manchmal wütend macht, ich habe Verständnis. Unwissen macht Angst, Schwäche macht Angst. Haben doch zu viele Menschen Angst, es könnte ihnen auch schlecht gehen, sie könnten ihr Leben auch mal nicht im Griff haben. Wer will schon gern fallen. So versuchen wir mit aller Macht, mit aller Kraft, uns aufrecht zu erhalten. In einer Gesellschaft, in der Kranksein als Schwäche angesehen wird, ein verständlicher Überlebensmechanismus. Schließlich muss man als Kranker immer befürchten, aus eben dieser Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

Aber Krankheit ist auch nicht alles, nicht sie ist es, die den Menschen – so wie er ist, mit seinem Körper, Charakter, Stärken und Schwächen – formt: Auch wenn ich einen Crohn habe und zuweilen depressiv bin, so bin ich doch immer noch eine junge Frau, die damit gerne offen umgehen und locker leben möchte. Die ein schönes Leben führen und Liebe (auch zu sich selbst) erfahren möchte. Und wisst ihr was, auch wenn ich diesen Spruch nicht wirklich mag, weil er ernstes zuweilen herunterzuspielen vermag – alles, auch dieser Unfall, hat seinen Sinn: Ich muss nun alle Dinge langsamer und bewusster tun. So wie das Schreiben dieser Zeilen: Es fällt mir schwer, der Arm schmerzt sehr dabei. Doch es ist mir wichtig, also tue ich es. Der Gips bringt mich endlich mal wieder an andere Grenzen! Endlich mal nicht an meine psychischen oder körperlichen, sondern meinen Willen, Mut und Stärke betreffend.

Jeder der mal eine Weile als einarmiger Bandit gelebt hat, weiß, dass sich bereits das Abspülen mit einer Hand wie ein großer Sieg anfühlt. Oder das Anziehen einer Strumpfhose (nur weil ich gehandicappt bin, möchte ich mich dennoch für mich hübsch machen). Oder sich mit einer Hand die Haare föhnen und gleichzeitig zu kämmen. Frauen benutzen immer beide Hände beim Föhnen, schließlich muss die Mähne mit Bürste in Wellen, Locken oder Glätte gelegt werden. Nun, ich habe mir einfach eine Art Standföhn gebaut und mich darunter gestellt. Stolz!

Der Gips fordert mich heraus – ein Gefühl, dass ich lange nicht hatte. So tat ich etwas, was ich nie gedacht hätte, was ich mit nur einer funktionsfähigen Hand tun könnte. Ich habe gekocht. Und weil ich dann so stolz auf mich war, habe ich gleich noch Erdbeertörtchen gemacht. Diese waren eigentlich für meine lieben Mädels gedacht, doch wegen des Unfalls musste ich leider den Abend absagen. Nun machen sie mir alleine Freude. Geschafft! Mit einer Hand – ist das nicht wundervoll?

Diese kleinen Erfolgsergebnisse tun mir gut. Vielleicht habe ich genau das gebraucht. Das Leben führt uns immer in Situationen, in denen wir lernen können.Ich habe gelernt, dass ich trotz Handicap Dinge tun kann, von denen ich dachte, das sei nicht machbar. Ich habe gelernt, dass ich viel viel selbständiger bin als ich dachte. Negative Gedanken bringen ein Gefühl von Hilflosigkeit und Erstarrung mit sich – ich traue mir in diesen Momenten nichts zu und denke, ich würde “es” (das Leben und alles, was ich doch tun “muss”, tun “sollte”) nicht schaffen. Ich habe das Gefühl, keinen Einfluss auf das zu haben, was passiert, dass ich mich mit allem abfinden muss. Der Gips zeigt mir, dass ich durchaus Einfluss auf mein Leben – wenn auch im Kleinen – habe und Dinge schaffe, auch wenn ich erstmal nicht daran glaube. Eine schöne Erfahrung.

Der Gips hat mir noch etwas anderes zurückgegeben: Ich fühlte mich in den letzten Tagen überfordert. Jeden Tag Termine – Pflichttermine – beim Arzt, Therapie und und und. Ich war überreizt, kraftlos. Doch ich machte weiter, ich “muss” doch meine Termine einhalten! Verdammtes Pflichtgefühl. Wisst ihr was: Ich habe alle Termine abgesagt. Weil mich der Gips dazu zwang. Leider auch die wenigen schönen Termine wie der Abend mit meinen Frauen oder heute die Hochzeit meiner lieben Freundin. Klar habe ich überlegt, ob es irgendwie machbar ist. Und das wäre es. Doch dann merkte ich doch, dass ich gerade einfach nicht die Kraft habe, mit einem nicht ganz kleinen Rosenstock als Hochzeitsgeschenk unterm Arm über eine Stunde mit Bus und Bahn und gefühlten 10x umsteigen auf mich zu nehmen. Es macht mich traurig, klar, aber mal wieder musste mich mein Körper ausbremsen, damit ich meine Grenzen erkenne. Ich muss nun Rücksicht auf meinen Arm nehmen, damit er schnell heilen kann. Es waren zu viele Pflichttermine in letzter Zeit – dabei will ich doch eigentlich meine Ruhe. Jetzt habe ich sie mir eingeräumt – dankeschön liebe Hand. Danke Körper, dass Du da bist und mich immer wieder warnst, wenn es zuviel wird. Danke dass Du gesund bist und meine Wunden heilst. Danke, dass Du immer da bist, auch wenn ich Dich nicht beachte. Ich möchte besser für Dich sorgen, ich gönn Dir jetzt die Ruhe, die Du zum Heilen brauchst. Ich bin hier, bei Dir. <3

Die Herausforderung in den nächsten Tagen wird sein, mit der Liebe und der Zuneigung, die mir so zahlreich entgegengebracht wird, umzugehen. Das heißt, meine Hand zu heilen, indem ich mit mir in Kontakt bleibe und etwas für mich zu tue. Ich möchte mich nicht wie früher in die Liebe der anderen fallen lassen und die Verantwortung, die ich für mich und meine aktuelle Situation habe, aus der Hand geben. Das ist meine Aufgabe. Ich muss auch lernen, nein zu sagen und nicht drumrumzureden oder aus goodwill Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht will. Ich habe lange genug andere über mein Leben entscheiden lassen – jetzt halte ich es fest, an mein Herz gedrückt und beschütze es wie eine Mutter ihr Kind.

Erkenntnis des Tages: Selbst mit einem Arm kann ich alles schaffen – also warum nicht auch mit zwei? :)

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