Von Tränen, Prüfungen und schonungslosen Wahrheiten

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Meine Augen brennen. Sie weinen auch wenn gerade keine Tränen entweichen. So vieles ist heute passiert, so vieles wühlt mich auf. Warum soll ich DANKE sagen, wenn scheiße passiert? Warum positiv denken, wenn ich verzweifelt bin?

Irgendwie macht mich das stinksauer. Was will mir das verdammte Universum damit sagen? Warum passiert mir das! Ich fühlte mich gut heute morgen, war entspannt und freute mich auf meine heiße Tasse Kaffee. Stattdessen bekam mein Auto ein Fahrrad zum Frühstück. Da würd ich doch am Liebsten denken: Fick Dich doch einfach, Universum!  Und geh jemand anderem auf den Sender! Haaaaaaalt schreit es aus allen Ecken: Das darfst Du NICHT negativ sehen, sonst passiert es Dir wieder!!! Ich schnaube. Wie ein wildes Ross, das dem Reiter gern mal zeigen will, wer hier die Hufen an hat.
Dann setze ich ein Lächeln auf: Danke liebes Universum, du bist so lieb und gut zu mir, danke dass du mich an den Rand des Wahnsinns treibst, meinem Konto den letzten Cent raubst und mir dabei gehörig auf die Eierstöcke gehst. Aber du meinst das ja sicher nur gut, danke für diese Prüfung, ohne die ich auf dieser Welt völlig verloren wäre. Ohne die ich nicht wüsste, wie ich weiterleben soll. Ohne die mein Leben ganz furchtbar wäre. Danke danke danke, ich liebe Dich SO SEHR dafür, dass Du mir den Tag gerettet hast.

Heute war so ein Tag, den man lieber überschläft.

Heute habe ich einen Fahrradfahrer angefahren, nur ein paar Meter vor meiner Wohnung. Ihm ist nichts passiert, Gott sei Dank. Aber es war doch ein großer Schock. Erst war ich sehr ruhig und gefasst, habe ihn samt Rad (das ziemlich Schrott ist) nach Hause gebracht und dann zur Arbeit. Kaum hatte ich ihn abgesetzt, rinnen Tränen wie riesen Bäche über meine Wangen. Sie aufzuhalten – keine Chance. Ich redete mir gut zu – keine Chance. In den folgenden Stunden bis heute abend weine ich nahezu nonstop. Nach all dem schlechten Karma, was mich in den letzten Wochen in Bezug auf mein Auto “verfolgt”, hat mir das heute wahrlich den Rest gegeben.  Dieses altbekannte Gefühl – die Hilflosigkeit – hat mich vollkommen übermannt. Wieviel Tränen sind eigentlich erlaubt? Hat die eigentlich irgendwann mal jemand gezählt? Ich habe Angst in die Depression zu rutschen. Ich fühle mich völlig ausgelaugt.

Noch vor ein paar Tagen sagte ich zu Freunden, wie gut es mir ginge und dass ich schon lange nicht mehr geweint hätte. Tja, große Schnauze gehabt. Man sollte echt nicht zu positiv sein, die Klatsche kommt bestimmt!
Ich weiß nicht wohin mit diesem schrecklichen Gefühl. Klar sind die Tränen eine Art Ventil, aber auch nicht wirklich, denn besser geht es mir trotzdem nicht. Ich versuche zu ergründen, was genau es für ein Gefühl ist, dass mich so aus der Bahn wirft:

Ich denke ein großer Teil ist Angst. Existenzangst, weil ich nicht mehr weiß, woher ich das Geld nehmen soll für die ganzen Rechnungen…für das kaputte Fahrrad…Geld Geld…ich hatte noch nie so große Geldsorgen wie jetzt.

Dann ist es Angst davor, dass noch schlimmeres passiert. Angst vor der (nahen) Zukunft. Angst wieder ins Auto zu steigen. Angst, dann vielleicht einen Menschen ernsthaft zu verletzen. Wie käme ich damit klar…ich weiß es nicht. Nie wahrscheinlich.

Hilflosigkeit, dass ich es nicht verhindern konnte. Dass ich keinen Einfluss darauf hatte, dass es passiert. Ich denke, dass ist das schlimmste Gefühl von allen. Es ist das Gefühl was ich hatte, als ich klein war und nicht verhindern konnte, dass man mir Gewalt antut. Es ist das Gefühl was ich hatte, als ich meinen Arbeitsplatz verloren habe. Es ist das Gefühl, das die Crohn-Krankheit bestimmt – denn im Schub hat man auf nichts mehr Einfluss. Nicht darauf, ob das Essen drin bleibt, ob man den Stuhl halten kann und wie stark die Entzündung ist. Nichts kann man da tun, man ist der Krankheit völlig ausgeliefert.

Hilflosigkeit, was ich jetzt tun soll – was Irrsinn ist, denn ich habe mit dem Mann alles besprochen und er ist sehr kulant und macht mir keine Vorwürfe.

 Einsamkeit, auch wenn mir heute Menschen zur Seite standen. Sie konnten es doch nur am Telefon oder über Sms tun. Es sind solche Situationen, in denen mir meine Eltern fehlen. Situationen, in denen ich wieder Kind bin und jemand brauche, der mich beschützt. Doch Mutter und Vater fehlen, sie fehlten schon immer. Und schon sind wir beim nächsten Punkt. Dem Schutzpanzer.

Achtung: Schonungslose Wahrheit! Wer sie nicht verträgt, bitte nicht weiterlesen!!!
Seit ich klein bin lege ich mir einen Schutzpanzer aus Fett zu. Ich war nie schlank, ich wurde gehänselt und verspottet – ich wurde trotzdem nicht schlank. Mir wurde das Essen entzogen – ich begann, heimlich zu essen. Jede verbale und physische Gewalt trieb mich dazu, noch mehr zu essen. Süßes, Schokolade…ohne Grenzen. Mein Körper kannte keine Grenzen.
Als ich älter wurde und auszog, gab es immer wieder Episoden, in denen es mir gut ging und ich abnahm. Ich war dabei sehr strikt und diszipliniert. Mit jedem Kummer, jeder Trennung, jeden Schicksalsschlag nahm ich wieder zu. Besonders schlimm ist es seit zwei Jahren. Mit dem Cortison, was ich in meinem Schub bekam, kam der Heißhunger. Ich nahm mehr und mehr zu. Weitere Medikamente und eine Schilddrüsenunterfunktion gaben mir den Rest. Aber nicht nur Medikamente sind schuld, nein, ich habe auch schlichtweg meinen Kummer in Schokolade zu ertränken versucht. Ich habe versucht, meine Leere und die Einsamkeit durch Essen zu füllen. Meine Ängste wegen der Arbeitslosigkeit, der Angst vor der Zukunft, der Angst vor dem Alleinsein mit Schokolade runterzuschlucken. Und dabei merkte ich gar nicht, dass ich mich immer mehr isolierte. Psychisch tat mir das natürlich gar nicht gut, denn ich fühlte mich nicht mehr wohl in mir, in meinem Leben.
Nun, seit ein paar Monaten mache ich eine Stoffwechselkur, die dafür sorgt, dass eine Stoffwechselumprogrammierung stattfindet und man dadurch nachhaltig abnimmt. Bis jetzt habe ich 15 Kilo abgenommen. Dass das überhaupt geht und ich die Disziplin habe, erstaunt mich immer noch. Natürlich muss man sich an einen bestimmten Ernährungsplan halten – Schokolade und Süßes hat dieser nicht vorgesehen. Von heute auf morgen strich ich dieses aus meinem Essensplan. Ein komisches Gefühl, sogar sehr beunruhigend, diese Leere, die sich plötzlich auftat. Die Zeit, die ich mit Essen beschäftigt war, hatte ich nun übrig – und wusste nicht, wie ich sie füllen sollte.

Und nun… ist dieses schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit und des Kummers wieder da. Und alles in mir schreit nach Süßigkeiten. Es ist jetzt 23 Uhr und ich bin immer noch standhaft. Aber ich spüre, wie stark diese Gewohnheit sich in mir manifestiert hat. Ich WILL den Kummer mit Schokolade ersticken. Das Gefühl der Einsamkeit wegessen. Damit wieder Boden gewinnen, mir für einen Moment Halt geben.

Seit einigen Wochen läuft die Sendung “extrem schwer” auf RTL II. Heute war da eine Frau, die sich wegen Vergewaltigungen in der Kindheit und Lieblosigkeit zuhause einen Schutzpanzer angefressen hat. Auch sie hat sich isoliert, mit Essen vollgestopft. Während der Sendung sagt sie, dass sie große Angst davor hat, dünn zu sein. Weil sie sich immer nackter fühle je dünner sie werde. Und dadurch wieder verletzbar. Das hat mich tief getroffen. Ich glaube, ich habe auch Angst davor, dünn zu sein. Ich war nie dünn, ich weiß gar nicht, wie das ist. Und ich stellte mir die Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr dick bin? Bin ich dann nicht mehr ICH? Und was tue ich mit meinem Kummer, wenn ich ihn nicht mehr mit essen ersticken kann. Ich habe noch keine Antwort darauf. Wenn Du Ideen hast, immer her damit.

Ich weiß nicht, wozu der heutige Tag gut war. Aber ich will mich an dieser Stelle dennoch beim Universum bedanken. Ich sage DANKE, dass dem Mann nichts passiert ist. Ich sage DANKE, dass ich mir heute wieder meiner emotionalen Grenzen bewusst geworden bin. DANKE, dass sich meine Muster mal wieder gezeigt haben – und ich ihnen widerstanden habe.

DANKE dass das heute passiert ist. Für irgendwas wirds gut gewesen sein. Und damit darf es jetzt gehen. Herr, gib mir Kraft, das durchzustehen. Gib mir positive Energie, die mir gerade so fehlt. Schenke mir Vertrauen, dass alles gut wird.

 

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