Browsing Category

Bücher

Copyright by Till Westermayer/flickr.com

Wer bin ich – ohne das Essen?

Ich lese gerade ein Buch, das mich sehr beschäftigt. Darin geht es um Essstörungen oder mehr, warum manche Menschen Essen als Mittel nutzen, um ihre Gefühle zu unterdrücken, ihre Leere zu füllen und mit Kummer klarzukommen. Mir war schon immer bewusst, dass ich esse, weil ich bereits als Kind an Hunger litt. Hunger an Liebe. Ich litt schon damals sehr, so sehr, dass ich manchmal den Schmerz kaum aushielt. Glaubt mir, ich hatte ein großes Kuscheltier (dieses habe ich heute noch), das all meine Tränen immer aufsaugen musste. Ich weiß noch, dass es oft komplett durchnässt war. Dass ich oft so viel schluchzte, dass ich danach heiser war. Und ich weiß noch, dass mir das Essen der einzige Trost war.

Dieses Muster hat sich bis heute wie eine Konstante in meinem Leben gehalten. Ja, vielleicht war es die einzige Konstante, die es überhaupt jemals in meinem Leben gab. Ich konnte mich wirklich gut auf das Essen verlassen. Es war immer für mich da. Es passte sich meinen Bedürfnissen an, wenn ich Lust auf Süßes hatte, schob ich mir Schokolade rein. Ja, dem Essen war es wichtig, wie es mir ging. Hier konnte ich meinen Bedürfnissen nachgehen. Hier konnte ich mich fallenlassen. Hier konnte ich SEIN.

Das klingt pervers oder? Ich weiß *lächel* aber so ist das, das ist sie, die nackte Wahrheit. Was aber auch die Wahrheit ist, ist die Tatsache, dass ich mich mein ganzes Leben lang gehasst habe. Dass ich mich nie so gut fand wie ich bin. Ich wollte immer anders sein. Vielleicht hätten mich meine Eltern dann lieb. Vielleicht würden sie dann stolz auf mich sein. So dachte ich jahrelang. Ich wollte immer anders sein, irgendwie besser. Die perfekte Tochter, die erfolgreiche, die schöne, zu der man aufschauen kann. Ich war überzeugt davon, wenn ich nur schlank wäre, würden sie mich lieben. Gleichzeitig aß ich. Dazwischen nahm ich immer wieder mal ab. Dann aß ich wieder. Egal wie ich war, es änderte sich nichts.

Die meisten Menschen – und ich beziehe mich da ausdrücklich mit ein – sind ihr ganzes Leben lang damit beschäftigt, sich zu einem “besseren” Menschen zu machen. Weil wir uns nicht akzeptieren wie wir sind, tun wir Dinge, die unser Ich verbessern sollen. Wir lächeln, obwohl uns nach weinen zumute ist. Wir gehen zum Spieleabend, obwohl wir lieber allein sein wollen. Wir arbeiten so viel, dass wir davon krank werden, weil wir denken, dass wir als erfolgreicher Mensch glücklicher sind. Und wir machen Diäten, weil wir denken, wenn wir nur schlanker sind, werden wir mehr geliebt. Sind begehrenswerter. Und mögen uns mehr. Dem scheint nicht der Fall zu sein – laut der Autorin des Buches. Sie hat selbst ihr Leben lang Diäten gemacht und danach wieder zugenommen. Und begegnet in ihren Retreats hunderten Frauen, die schon einmal schlank waren und dennoch nicht glücklicher. Wenn wir wieder einmal gescheitert sind, wir wieder mal eine Diät abbrechen, bestrafen wir uns noch mehr.

Ich esse, wenn ich traurig bin. Wenn ich mich einsam fühle. Wenn etwas nicht so klappt wie es soll. Wenn ich wütend bin oder gereizt. Wenn ich gestresst oder überfordert bin. Und um mich zu belohnen, mir was zu gönnen, Genuss zu empfinden. Wenn man es so sieht, gibt es immer einen Grund.

Die Autorin schreibt, dass Veränderung erst möglich ist, wenn uns klar ist, was wir über uns denken. Damit ist das gemeint, was uns unsere “Geschichten”, die wir als Kind verinnerlicht haben, weismachen wollen. Was wir wirklich vom Leben halten. Ob wir als Single wirklich so happy sind. Und warum Erfolg uns zu einem besseren Menschen macht. Alle Gedanken, die wir uns selbst nicht eingestehen, aber die unterschwellig immer da sind.

Was hätten wir noch im Leben, wenn wir das Essen als Betäubungsmittel nicht mehr hätten?

Wir dürfen nicht mehr vor uns selbst weglaufen. Ich will nicht mehr vor mir selbst weglaufen. Ich will mich nicht länger betäuben. Ich habe mich 31 Jahre lang betäubt. Das, was passiert ist, liegt lange zurück. Und immer noch betäube ich mich, um den Schmerz von damals nicht fühlen zu müssen. Oder besser, seine Auswirkungen. Die Unzufriedenheit. Das Unglücklichsein. Die Einsamkeit. Der Mangel an Liebe. Wie es ist, mir selbst Liebe zu geben weiß ich nicht. Das Essen war meine Liebe. Wenn das nicht mehr ist, was mache ich dann? Wie fühlt sich das Leben an, wenn man nicht betäubt ist? Kann ich mich im Spiegel ansehen, wenn ich erkenne, wer der Mensch hinter alldem wirklich ist? Kann ich mich überhaupt lieben, wenn ich mich so sehe?

Einer dieser Nächte in denen Trauer und Glück nah beieinander liegen

Ich muss da durchgehen. Aber ich habe Angst. Gleichzeitig spüre ich Leichtigkeit. Der Gedanke, das Essen endlich loslassen zu können, um ich zu sein, ist ein guter Gedanke. Den ganzen Abend saß ich im Schneidersitz im Bett. Das Buch auf dem Schoß, den Labtop daneben. Ein Glas Wein davor. Und im Arm mein altes Kuscheltier, das, was schon so viel mitgemacht hat. Und während ich las und schrieb weinte ich. Aber ich lächelte unter den Tränen. Denn zum ersten Mal ergibt das alles einen Sinn. Als würden sich Puzzleteile ineinander fügen. Auf einmal sehe ich Licht am Horizont.

Es geht nicht darum, das Glück zu finden. Es geht darum, mich selbst zu lieben und alles Leid, was ich mir selbst zufüge, zu beenden.

 

 

* Copyright des Beitragsbildes by Till Westermayer/flickr.com

Von Chancen und unwahren Glaubenssätzen

Stein - Copyright by dome1990/flickr.com

Stein – Copyright by dome1990/flickr.com

Diese Tage sind sehr aufwühlend. Traurig wie bewegend zugleich. Glücksgefühle treffen auf Unzufriedenheit, Vergangenheit auf Zukunft. Ich treffe auf alte Glaubenssätze und beginne, sie in Frage zu stellen. Gleichzeitig bin ich streng mit mir, streng mit meinem Körper der jetzt krank sein will und streng mit mir, die sich immer wieder in alte Denkmuster verläuft. Doch eines will ich nicht – und das ist aufgeben. Ich will nicht mehr aufgeben, nicht mich selbst noch mein Leben. Ich will mich nicht mehr damit abfinden, ein unerfülltes Leben zu führen. Mich nicht mehr damit abfinden, mich mit mir selbst nicht wohl zu fühlen. Ich weiß, dass ich da auch mal etwas zu hart mit mir ins Gericht gehe. Dabei hilft auch das Schreiben, hier vermag ich es, Mitgefühl in meine Worte zu legen.

Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin. Noch nicht. Wenn mein Körper mir mal wieder zeigt, dass er stärker ist als mein Wille, kann ich es erst recht nicht. Dabei leistet er doch so gute Arbeit. Ich habe zwei gesunde Arme und Beine, ich kann die Farben der Welt sehen und den Duft der Menschen riechen. Ich kann atmen, ich kann lieben und ich kann träumen. Und trotzdem fehlt etwas zum Glücklichsein. Im Gegensatz zu früher ist es nichts äußeres. Es ist kein Auto und keine größere Wohnung, kein auf dem Papier toller Job. Was mir fehlt ist das Gefühl, meine Träume wahr zu machen. Das Gefühl, etwas zu tun, was ich liebe. Und dabei ganz ganz nah bei mir zu sein.

Weiterlesen

Von Ebbe und Flut

Copyright by Daniel Stark/flickr.com

Copyright by Daniel Stark/flickr.com

Inzwischen habe ich ja kapiert, dass Gefühle einem Auf und Ab unterworfen sind. “Es ändert sich auch wieder” sind Worte, die ich von meiner Therapeutin immer wieder eingetrichtert bekomme. Bei einem ungeduldigen Mädchen wie mir, dass schon in der Supermarktschlange angestrengt vor Ungeduld laut zu stöhnen anfängt oder die Geschwindigkeit der Infusion (wie vor zwei Tagen passiert) auf Maximum stellt, obwohl dies stets zu einem Augenrollen der Schwestern führt, damit es schneller geht, prallen solche Worte ab wie an einer harten Mauer. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich vor einem halben Jahr erstmals bei meiner Therapeutin im Stuhl saß und ihr erklärte, dass ich diese blöden, schlechten Gefühle so schnell wie möglich weghaben will und was sie denn zu tun gedenke, damit ich bald wieder “die alte” bin – kann ich nur innerlich lachen.
Abfinden will ich mich nicht damit, dass ich mich energielos und schlecht fühle. Mit Gedanken wie “der Arzt muss doch was dagegen tun” oder “diese Therapie bringt überhaupt nichts, kein Stück geht es mir besser” setze ich mich nach wie vor unter Druck. So auch am heutigen Tag, der schon beschissen angefangen hat. Konnte er nur, nach gefühlt fünf Albträumen hintereinander. Oft träume ich, dass jemand ermordet wird, dass ich verrückt werde oder vor etwas davonlaufe. Oft weine ich im Traum, oft habe ich Angst im Traum. Dann – am Morgen – wache ich völlig erledigt auf. Auch heute, ein wunderschöner, irrsinnig warmer Sommertag. Ich saß den halben Tag in der Wohnung, ich war innerlich taub und leer. Bis ich mich aufraffte, um zu einem Bewerbungsgespräch zu gehen. Danach zog ich mich sofort wieder in die Wohnung zurück. Es war einfach zu heiß.Oder blendet die Sonne nur meine innere Dunkelheit?

Ich kann mich nicht freuen. Mein Kopf ist den ganzen Tag wie leer. Doch abends, wenn ich einschlafen möchte, fange ich das Grübeln an. Dann kommen die Gedanken wie Gewehrschüsse und zerreissen meine innere Stille. Darauf folgen wieder Albträume, ich wache wieder geschlaucht auf. Jeden Tag aufs Neue.

Doch ihr Lieben, um zurück zu kommen auf das Auf und Ab: Ich hatte ja den heutigen Tag schon abgeschrieben, dass kein gutes Gefühl mehr den Weg in mein Herz finden würde. Ich sah wie starr in den Fernseher, machte hier ein bisschen Haushalt und goss dort meine Blumen. Spät abends griff ich zu einem Buch von Sandra Ingermann mit dem Titel “Die Seele schützen. Wie wir uns von negativen Energien befreien”.
Ich schlug das Buch an irgendeiner Stelle auf (was nicht meine Art ist) und blieb mit den Augen an ein paar Zeilen hängen. “SIE HABEN DIE WAHL – IMMER.” Wie bitte, ich habe die Wahl? Ich lese weiter. “Wir alle sehen uns im Leben regelmäßig mit schwierigen Situationen konfrontiert. Dabei haben wir es in der Hand, wie wir auf solche Herausforderungen reagieren.” Ich verspüre bei diesen Worten eine Neugier, bin aber auch ein bisschen zornig. Heißt das, ich bin selbst schuld daran, dass ich mich schlecht fühle?

Weiterlesen