Browsing Category

Körper

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Copyright by Randen Pederson/flickr.com

Copyright by Randen Pederson/flickr.com

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Dieser sehr bekannte Satz des griechischen Philosophen Sokrates geht mir gerade durch den Kopf. Was wissen wir eigentlich, wozu etwas gut ist, warum die Dinge so passieren, wie sie passieren? Kann es sein, dass wir nichts wissen und es ganz anders ist, als wir annehmen?
Wir Menschen neigen dazu, Situationen, Emotionen, Menschen – alles was uns irgendwie begegnet – in Schubladen zu packen. Um sie verstehen zu können. Um Kontrolle über sie zu haben. Aber es könnte auch ganz anders sein oder?

Weiterlesen

Morbus Crohn und: Mein größter Feind bin ich selbst

Copyright by Karen Salmansohn Photo by Photoatelier/flickr.com

Copyright by Karen Salmansohn Photo by Photoatelier/flickr.com

Mein größter Feind bin ich selbst. Ich bin die, die mich am meisten kritisiert, die mich selbst nicht erträgt. Ich bin die, die sich verurteilt, sich für mich schämt. Es sind meine Gedanken, die ich mir selbst konstruiere, die mich traktieren. Und die mir das Gefühl “geben”, ich sei ein hässlicher, schlechter Mensch.

Wer Übergewicht hat(te) und es gerade geschafft hat, sich wieder in seinem Körper wohl zu fühlen und dieses Gefühl nun wieder verloren hat, der kann sich vielleicht vorstellen, wie ich mich gerade fühle. Mein neues Lebensgefühl, das ich mir so vehement zurückerobert hatte, ist weg.

Ich nehme aufgrund eines akuten Schubes hochdosiert Cortison und habe 6 Kilo in einer Woche zugenommen. Ich sehe aus wie ein Hefezopf, der gerade im Ofen wunderschön aufgegangen ist. Ich mag mich nicht mehr ansehen, ich mag mich nicht mehr leiden. Ich schäme mich. Ich bin traurig. Wenn Leute an mir vorbeigehen, frage ich mich, was sie sich wohl denken mögen. “Was hat die denn gemacht”. “Gott wie sieht die denn aus”. “Boah ist die hässlich”. Nur einige Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. Ich laufe mit gesenktem Blick durch die Straßen. Dabei habe ich doch gerade erst wieder gelernt, den Kopf stolz nach oben zu tragen, auf Menschen zuzugehen und mich ihnen zu öffnen.
Jetzt dieser Rückschlag. Ich stehe der Gewichtszunahme hilflos gegenüber. Alle Maßnahmen, die ich ergriffen habe, haben bisher nichts gebracht. Allein von gestern auf heute waren es fast 2 Kilo. Den Tränen ist Resignation gewichen.

Ich habe mich entschieden, heute diesen Beitrag zu schreiben – für mich und, um mit dieser Situation offen umzugehen und es beim Namen zu nennen. Ich will mich nicht vor der Welt, vor euch da draußen, verstecken.

Morbus Crohn ist eine tückische Erkrankung. Sie betrifft den Darm, im akuten Schub ist die Darmschleimhaut entzündet – die Patienten leiden unter massiven Durchfällen (30-40x am Tag), starken Schmerzen, Erschöpfung. Der Darm ist das Organ mit den meisten Nervenzellen. Seine Bakterien beeinflussen unseren gesamten Organismus – und ist seine Schleimhaut entzündet, funktioniert die ganze Nährstoffaufnahme nicht. Das wiederum hat Einfluss auf das gesamte Immunsystem, auf unsere Psyche, auf unseren Stoffwechsel. “Crohnis” (Patienten die Morbus Crohn haben) sind ein spezielles Völkchen. Sie sind häufig sehr sensibel, aber auch Kämpfernaturen. Extremsituationen sind ihnen nicht fremd. Die Erkrankung fördert ihre Angst vor Kontrollverlust zutage. Sie fordert einen jeden Tag aufs Neue heraus, was die Crohnis einerseits zu starken Persönlichkeiten, andererseits zu ängstlichen, emotionalen Wesen macht. Es ist eine Erkrankung, die einen sehr auf seine Persönlichkeitsstrukturen, auf seine Muster und Ängste aufmerksam macht. Sie tut das sehr zuverlässig. Haben wir Stress oder Angst, sind wir wütend oder hilflos – der Darm reagiert sofort. Wie eine Antenne zeigt er einem manchmal schon Empfindungen, bevor wir sie bewusst gefühlt haben. Es ist eine Erkrankung der Extreme. Die meisten sind spindeldürr, sehen aus wie magersüchtig – aber das sind sie nicht, der Körper kann aufgrund des hochgradigen Nährstoffmangels aufgrund der ständigen Entzündung nur nichts verwerten und “ansetzen”. Andere – so wie ich, haben massive Gewichtszunahme unter Cortison – da spielt der ganze Stoffwechsel verrückt, die Hormone drehen durch und bringt alles durcheinander. Gewichtszu- und Abnahmen von 20-30 Kilo in einer Schubphase sind normal. Nun denkt man, gut, sie bekommen dann ihre Medikamente und ihnen geht es wieder gut. Aber so einfach ist das nicht. Die Medikamente mildern nur die Symptome ab. Durch die extreme Veränderung der Darmschleimhaut und damit einhergehend der Veränderung der Darmflora ist das ganze System verschoben. Bis das wieder im Lot ist, braucht es Zeit und richtig gute Produkte, um hier das Gleichgewicht wieder herzustellen. Leider vergessen die Ärzte meist, dass es mit Cortison oder Immunsuppressiva nicht getan ist. So leidet man als Patient häufig still. Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Gelenkschmerzen, Verdauungsstörungen sind nur einige andere Nebenwirkungen eines Schubes.

Ich leide seit 2,5 Jahren unter Morbus Crohn. Und ich beginne jetzt erst langsam, die Erkrankung und ihre Auswirkungen auf Körper und Geist besser zu verstehen. Am Anfang war da nur Angst. Scham. Hilflosigkeit und manchmal Wut darauf, dass der Körper nicht so funktioniert wie er “soll”. Heute bin ich immer noch hilflos und ja, ich schäme mich auch. Aber ich weiß heute mehr – ich weiß, wie ich meinen Darm bestmöglich unterstützen kann. Ich weiß, wie wichtig Unterstützung aus dem sozialen Umfeld ist, aber auch, sie sich selbst zu geben – um diese Zeiten durchzustehen. Und ich weiß heute, dass der Crohn mich nicht “kaputt” machen will. Er will, dass ich heile. Körperlich und geistig. Dass ich lerne, mich anzunehmen – auch wenn ich alles andere als perfekt bin. Und dass ich geliebt werden kann, auch wenn ich aufgeschwollen und fett bin. Die besten Ehen sehe ich wirklich bei meinen Crohn-Freundinnen – diese Männer stehen bedingungslos hinter ihren Frauen und das rührt mich immer wieder sehr.

Deshalb: So sehr wie mich diese Situation belastet, führt sie doch jetzt auch dazu, dass ich mein Verhältnis zu mir selbst nochmal in Augenschein nehme. Kann ich vielleicht nicht nur mein größter Feind, sondern vielleicht auch mein größter Freund sein? Wenn ich in der Lage bin, mich SO zu verabscheuen, kann ich mich dann auch SO lieben? Ist es möglich, aus diesem Rückschlag neuen Anlauf zu nehmen und zu sagen: Egal, dann beginne ich nochmal von vorne? Ehrlich gesagt weiß ich nicht ob ich die Kraft wirklich habe. Ich weiß auch nicht, wie ich auf Liebe umschwenken kann. Vielleicht ist Resignation der Schlüssel. Resignation heißt auch, die Situation anzunehmen wie sie ist. Es ist so. Jetzt. Das heißt nicht, dass sie für immer so bleiben wird. Denn das liegt dann wiederum in meiner Hand.
Ich kann es nicht ändern, ich kann eine chronische Erkrankung nicht wegzaubern. Ich kann meine dicken Backen, das Doppelkinn, all das Aufgeschwemmte nicht ablassen wie Luft aus einem Schwimmring. Und ich kann auch nicht länger dagegen ankämpfen.

Wenn es mir gelingt, mich in diesem Zustand zu mögen, mich nicht länger zu verurteilen, sondern mich jeden Tag, jede Minute neu zu ermutigen, mir selbst Kraft zuzusprechen und einfach weiterzumachen mit meinem Leben, dann kann ich diese Zeit überstehen. Und nicht gebrochen, sondern mit geradem Kreuz und einem noch schöneren Lebensgefühl als vorher. Jetzt weiß ich, was ich wirklich verliere und das hat mit ein paar Kilo Gewicht nichts zu tun. Ich verliere die Lust am Leben, die Lust auf Menschen, die Lust auf mich selbst. Und dafür lohnt es sich, immer wieder einen neuen Anlauf zu nehmen – sei der Rückschlag auch noch so groß.

Oh Frau, du wunderschöne, einzigartige, geh hin und beginne zu träumen

Copyright by Jesus Solana/flickr.com

Copyright by Jesus Solana/flickr.com

Mein Körper zwingt mich zum Innehalten. Es ist immer noch schwierig, meine schwache Seite anzuerkennen und anzunehmen. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Nächstes Jahr werde ich 30. Ein magisches Alter für Frauen. 30 ist die neue 20. Genauso jung müssen wir aussehen, genauso unbekümmert sein und ein Herz haben als hätte es nie geliebt. So viele Jahre sind vergangen und ich habe scheinbar erst an der Oberfläche meines Eisberges gekratzt. Dass so viel verborgenes in mir ist, was entdeckt werden will – daran habe ich mit 20 nicht gedacht. Ich habe auch nie über meine Rolle als Frau in dieser Welt nachgedacht. Erst in den letzten Monaten, die ich fast gänzlich nur noch mit Frauen verbringe, mit starken, wundervollen, schönen Frauen. Wir alle haben uns auf die Suche begeben nach der Frau in uns. Auch führte ich in den letzten Tagen Gespräche über Familie oder keine Familie, Single-Sein, den “Richtigen” finden u.s.w. und ich beobachtete drei Kategorien von Frauen, bei denen immer wieder die selben Themen auftauchen. Und so frage ich mich heute: Gibt es nicht mehr nur DIE eine Rolle der Frau, sondern mehrere? Und wo liegen ihre spezifischen Herausforderungen, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten?

Den wahrscheinlich letzten Post in diesem Jahr möchte ich deshalb unserem wunderbaren Geschlecht widmen, denn es scheint mir immer noch, als käme dieses in unserer heutigen Zeit zu kurz.

Weiterlesen

Die Zeit für meinen Wohlfühlkörper ist jetzt!

Copyright by Ton Haex/flickr.com

Copyright by Ton Haex/flickr.com

Der ein oder andere unter euch hat es vielleicht schon mitbekommen: Eure Moppel-Tanja macht eine Diät. Jaaa, grinse ich, aber nicht irgendeine Diät! Ich mache eine spezielle Kur, die das Fett nur so wegschmilzen lässt! Natürlich muss auch ich mich eine Zeit lang an eine bestimmte Ernährung halten, aber zum ersten Mal habe ich keinen Hunger und keine seltsamen Gelüste, die mir nach einigen Tagen einen Strich durch meine Diätpläne machen. Und der Erfolg bleibt nicht aus: Schon nach nicht einmal zwei Wochen habe ich genau an den Stellen Fett verloren, an denen es sich in den letzten Jahren so vehement festgesetzt hat. Ich dachte schon, es wäre an mir festbetoniert, aber nein, mein Stoffwechsel war schon so kaputt, dass es ihn nicht wenigstens ein bisschen bewog, auch nur einen Millimeter an Bauchumfang zu verlieren.

Weiterlesen

Von unsichtbaren Krankheiten, Grenzen und Erdbeertörtchen

Copyright by Tanja Rörsch

Eine kleine Unachtsamkeit und schon bekomme ich vom Leben die Chance, im Kleinen meine Grenzen auszuloten. Vor ein paar Tagen versuchte ich, den kaputten Metallverschluss einer neu gekauften Essigflasche mit einem Messer, welches ich zuvor noch geschliffen hatte, zu öffnen. Welch eine Dummheit, könnte man sagen. Welch eine Chance, sage ich. Keine Sorge, ich hatte Glück. Ich bin sofort ins Auto gestiegen und ins Krankenhaus gefahren. Dort wurde ich von netten Ärzten noch in der Nacht operiert – ich hatte mir die komplette Sehne an meinem Finger durchgeschnitten. Sicher stand ich ein wenig unter Schock, Schmerz spürte ich nicht. Doch seitdem denke ich viel nach – über die Bedeutung des Geschehenen und die Reaktion meiner Umwelt.

Weiterlesen