Das ist die Konstante in unserem Menschsein – zu wissen, warum wir auf der Welt sind

Copyright by Dietmar Temps

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Als ich vor etwas über einem Jahr begonnen habe, zu meditieren und das Leben zu studieren, hätte ich nicht gedacht, dass mich dies nachhaltig beschäftigen, ja bewegen, könnte.
Noch so oft falle ich zurück in meine alten Denkmuster. Emotionen wie Neid, Zorn, Wut und Traurigkeit übermannen mich dann. Immerhin: Ich kann diese mittlerweile erkennen und versuche, sie nicht mehr zu unterdrücken. Ich gebe zu, dies sind die schweren Momente. Sie reißen einen mit wie eine Lawine aus Vergangenheit, Zukunftsangst und Sorgen und nehmen alles mit, was ich mir als Hoffnung, Mut und innerem Frieden Stein auf Stein aufgebaut habe.

Ich könnte schreien in diesen Momenten. Meist reicht es nur zum Weinen. Aber das ist okay.
Ich bin vor allem wütend – wütend auf mich und die Welt. Noch gelingt es mir nicht, in solchen Momenten zu meditieren und die Emotionen da sein zu lassen als was sie sind – einfach Emotionen. Nein, vielmehr bäume ich  mich auf, ich kämpfe Kämpfe, die nicht zu besiegen sind, ich greife blind nach allem möglichen Halt und greife doch meist ins Leere, die Tränen fließen, bis sie ausgeflossen sind. Anschließend verfalle ich in Trauer um die Dinge, die ich nicht habe. Keine Karriere, keine Kinder, kein Haus, kein kein kein kein kein. Alte Gedanken kommen auf. Wenn Du dies oder das hast, bist Du glücklich. Ich muss innerlich lachen. Wie bescheuert.


Ich schelte mich für meine Dummheit. Denn ich weiß, dass all diese Dinge mich nicht glücklicher machen würden. Nicht, wenn ich mich mit mir selbst nicht aussöhnen kann, mich selbst nicht annehmen und lieben kann. So wie ich sind viele Menschen auf die “Versprechen” unserer Gesellschaft reingefallen. Dass das “Haben” irgendwann die innere Leere zu füllen vermag. Indem wir immer mehr “haben” wollen, erreichen wir jedoch nur noch mehr Leere in uns. Und so schaufeln wir uns Tag für Tag unser eigenes seelisches Grab.

Meine Freunde kennen mich als ein Mensch, der nie etwas für Spiritualität übrig hatte. Dieses ganze Hokuspokus, dass den Menschen Geld aus der Tasche zieht! Ich hatte nicht nur nichts dafür übrig, es ekelte mich geradezu an. Und auch heute noch kann ich für Möchtegern-Spirituelle nichts aufbringen. Ich verstehe nicht, warum man in Öko-Schlappen und Bio-Kleidung herumlaufen muss, nur damit auch jeder sieht, dass man spirituell ist. Das ist genauso eine fuck Schublade wie alle anderen! Nichts, aber auch nichts macht diese Menschen besser als andere, die in feinen Schuhen und Anzug herumlaufen. Aber sie halten sich für etwas besseres – und das macht mich zornig.

Ich lebe meinen Konservatismus, meine kapitalistisch-spießige Art genauso aus wie etwas, das manche als Spiritualität bezeichnen würden. Muss ich, nur weil ich meditiere und Werke spiritueller Heiliger lese, gleich die LINKE wählen oder gar die Piratenpartei? Scheiße NEIN! Ich will so sein wie ich bin, so fühlen, so denken und auch so wählen. Aber ist nicht genau das der große Kampf der kommenden Zeit – das Ringen um eine Spiritualität, die alles erlaubt? So zu sein, wer man ist?

Wo beginnt sie – die Spiritualität und wo hört sie auf? Ich würde sagen, sie beginnt an dem Punkt, an dem wir uns fragen, warum wir auf der Welt sind. Das ist die große Konstante, die Manager von Banken, Beamte oder Hausfrauen dazu bewegen, zu fragen, WAS ist da noch und ist da nicht vielleicht etwas, was mich erfüllt? Was all diese Menschen, diese “Aussteiger” dazu bringt, ihr altes Leben über Bord zu werfen und die Segel in ein neues Leben zu hissen. Und wo sie aufhört…ich bin überzeugt davon, dass jemand, der sich den Fragen des Lebens widmet, dies bis zum Ende seines Lebens tut. Ich habe noch nie von einem Spirituellen gehört, der die Erleuchtung gefunden und daraufhin aufgehört hat, spirituell zu sein. Und ich glaube auch, dass Spiritualität so viele Gesichter hat wie es Menschen gibt. Ob die Frau, die ich heute auf der Straße traf – im Rollstuhl – und vor sich hin singend oder der Mann, der im Großraumbüro darüber nachdenkt, ob dieser Job ihn wirklich glücklich macht – sie findet im Kleinen genauso statt wie im Großen und jede hat ihre Berechtigung.

Vor gut drei Jahren wollte mich mein damaliger Freund auf den “rechten Weg” der Spiritualität bringen. Er hat es nicht geschafft. Ich habe mich gesperrt, ich hatte keinen Zugang dazu. Erst ein tiefer Einbruch in meinem Leben brachte mich dazu, neugierig schnuppernd, still beobachtend, aktiv praktizierend. Und es war gut so, denn es war mein ganz eigener Weg. Niemand sonst geht diesen meinen eigenen Weg.

Es gibt da eine Vision, der viele Spirituelle folgen: Die Vision, dass wir mehr sind als unser Körper, unser Leben, unsere Einstellungen. Dass wir Teil eines großen Ganzen sind und gleichzeitig das große Ganze selbst. In diesem großen Ganzen hat alles seinen Platz. Blumen, Bäume, Berge und Seen. Alle Menschen, alle Vögel und alle Elefanten und alle anderen Lebewesen. Die Vision sagt: Wir sind alle gleich.
So weit weg dieser Gedanke von meinem “weltlichen” Denken ist, so berührend ist er für mich. Wenn wir wirklich alle gleich sind, gäbe es keinen Vergleich, es gäbe kein “mehr als” oder “besser als”, es gäbe keinen Streit und keinen Krieg.

Eins weiß ich: Es sind die Momente in der Stille, beim Mantra-Singen oder meditieren, in denen ich mit mir für eine kleine Weile in Frieden mit mir bin. Bin ich deswegen “besser” als Menschen, die diese Dinge nicht tun? Oder “schlechter” als Menschen, die zudem auf alle Besitztümer verzichten, in Einsamkeit leben und den ganzen Tag mit Meditationen zubringen? Nein, nichts von alldem. JEDER und ich meine verdammt nochmal JEDER geht seinen eigenen Weg, in seinem eigenen Tempo und mit seinen eigenen Ressourcen.
Ich wünsche mir, dass Menschen, die ihr Leben hinterfragen, nicht schief angesehen werden. Ich wünsche mir mehr Unterstützung, ein stärkeres Miteinander. Denn seien wir ehrlich: Ein Lächeln dauert nur ein paar wenige Sekunden – doch es kann die Welt für einen Menschen ein kleines Stück zum Guten verändern.

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1 Comment

  • Reply wortakupressur Juli 28, 2013 at 8:49 pm

    Toller Beitrag, Tanja, und Danke fürs Teilen :-)

    Spontan fällt mir noch dies Sprichwort aus dem Zen ein:
    “Vor der Erleuchtung: Holz hacken –
    nach der Erleuchtung: Holz hacken.”

    Liebe Grüsse
    Christina

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