Der Morgen startet mit einer Prüfung… und Vertrauen

Copyright by Eric Montfort/flickr.com

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Der heutige Morgen begann mit einer Prüfung. Ich – noch vom schlechten Schlaf zerzauselt und zerknautscht – bekam vom Postmann ein Einschreiben der Krankenkasse. Das, wovor ich mich die letzten Monate gefürchtet habe, ist nun eingetreten: Ich erhielt die Information, das ich nun kein Krankengeld mehr bekomme, das mein Anspruch beendet ist.
Letztes Jahr wäre ich in Tränen ausgebrochen. Letztes Jahr wäre ich panisch gewesen, verzweifelt, hilflos. Seltsamerweise bin ich das jetzt nicht. Komisch, irgendwie ist es auch eine Befreiung. Jetzt kommt der nächste Schritt, egal in welche Richtung. Es ist seltsam, aber plötzlich macht sich ein Gefühl breit, von dem ich schon viel gelesen, es aber nicht gefühlt habe. Vertrauen. Ich habe Vertrauen darin, dass schon alles gut wird. Ich vertraue einfach darauf, das dieser Weg jetzt für irgendwas gut ist. Das was Gutes auf mich wartet. Zwei Jahre habe ich genau davor Angst gehabt… irgendwann völlig mittellos dazustehen. Diese Schmach, Hartz IV zu bekommen, ertragen zu müssen. Nun ist es da und anstatt das es mich runterzieht, das ich hilflos bin und in eine Schockstarre verfalle, bleibe ich entspannt. Ich werde auch nicht hektisch und denke; Du musst sofort Bewerbungen schreiben, sofort in die Jobportale gucken sofort sofort. Ich weiß, diese Hektik (Panik) habe ich in der Vergangenheit genutzt, um dem Gefühl der Hilflosigkeit etwas entgegenzuhalten. Um mir nicht selbst zu sagen: Na, hast ja auch nix gemacht, Dich nicht bemüht etc. Mir quasi damit ein Alibi geschaffen.

Panik bringt gar nix. Es ist viel besser, ruhig und besonnen zu bleiben. Einen kühlen Kopf zu bewahren und sich nicht selbst durch sinnlose Handlungen weiter zu destabilisieren. Ich tue das, was mir möglich ist. Ich gebe mein Bestes. Das weiß ich, das habe ich in der Vergangenheit bewiesen.

Früher hatte ich in Krisensituationen einen Satz, der mir immer durch den Kopf ging: Egal was passiert, der nächste Tag kommt bestimmt. Und so ist es. Egal was nun passiert, das Leben geht weiter. Ich freue mich jetzt auf den nächsten Schritt. Ich freue mich auf die Chancen, die mir nun ins Haus flattern. Irgendwie habe ich vertrauen, das sich rechtzeitig eine Lösung auftut.

Als ich in diese Situation kam vor zwei Jahren…krank wurde und keine Arbeit hatte…da habe ich mir so sehr gewünscht, dass mir meine Eltern da raus helfen. Meine Eltern sind Menschen, die für alles ne Lösung haben. Die Kontakte, das Wissen und die Durchsetzungskraft haben. Und ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das an der Hand genommen werden wollte. Weil diese Situation so neu für mich und ich so ratlos und hilflos war.
Und ja, ich war sehr enttäuscht von ihnen, dass sie nicht für mich da waren. Dass sie mir nicht geholfen haben. Aber letztlich muss ich meinen eigenen Weg gehen, in  meinem eigenen Tempo. Und wenn es eben zwei Jahre oder drei oder vier dauert – dann dauert es so lang.

Gestern habe ich in einem Call die Geschichte einer ehemaligen Leistungssportlerin gehört. Sie erzählte, dass sie immer funktioniert hat, viel gearbeitet hat und schlank und durchtrainiert war. Irgendwann ging es dann in die Richtung, dass sie in die Magersucht abgerutscht ist. Dann litt die Psyche – sie kam in eine Klinik mit Depressionen. Kaum aus der Klinik raus, ging es ihr noch viel schlechter (genauso wie bei mir). Sie bekam Arthrose, Fibromyalgie, hatte wahnsinnige Schmerzen und entwickelte Angststörungen, so dass sie nur noch auf dem Sofa lag und vor sich hinvegetierte. Eine ehemals so starke, fitte Frau ist in eine Krise geschlittert, die unsere Vorstellungen weit übertrifft. Heute geht es ihr so gut wie nie. Sie hat erzählt dass sie eine Möglichkeit kennengelernt hat, die ihr sowohl ihre körperliche als auch ihre psychische Gesundheit zurückgegeben hat. Sie war unter Menschen, die sie auffingen, die ihr neue Hoffnung, neuen Lebensmut gaben. Und das hat ihr so geholfen, hat ihr das Strahlen zurückgegeben. Meine Geschichte ist sehr ähnlich, nur das ich eine chronische Darmerkrankung entwickelt habe. Die Depressionen und vor allem Angststörungen waren genauso schlimm. Scheinbar entwickeln gerade starke Menschen, die immer alles im Griff hatten und relativ “angstfrei” durchs Leben gingen, schwerere Angststörungen. Ein Signal der Psyche, dass es so nicht mehr weitergeht.Und auch  mir hat diese Möglichkeit ein Stück Leben zurückgebracht. Gesundheitlich geht es mir viel besser und es gibt mir viel Hoffnung und eine berufliche Perspektive. Auch die sozialen Kontakte sind nicht zu unterschätzen, wenn man zuvor sehr isoliert war.

Im Nachhinein bin ich froh, dass es so gekommen ist. Ich bin froh, dass ich nicht mehr nur funktioniere, dass ich nicht mehr nur in meiner Unzufriedenheit bade, dass ich nicht mehr nur nach außen schaue, auf andere, dass ich nicht mehr nur Dingen hinterherrenne, von denen ich denke, dass sie mich glücklicher machen. Klar, es gibt Momente, in denen verfalle ich in alte Muster. Aber zum größten Teil schaue ich erstmal nach innen.

Wenn man das äußere abstreift, nach dem man jahrelang gestrebt hat – in der Hoffnung, dann glücklicher zu sein, wenn man das abstreift, sieht man zwar, dass da bisher nicht viel anderes war – und das kann ganz schön traurig machen. Gleichzeitig wird man sich seiner Fähigkeiten wieder bewusster. Das was ureigens zu einem gehört, was einen ausmacht, Stärken wie Schwächen. Ich hab gemerkt, dass ich eben nicht alles immer gleich kann. Sondern das auch ich lernen muss. Dass ich nicht immer selbstbewusst bin, sondern auch mir manchmal Mut gemacht werden muss. Dass ich meine Liebe zum Schreiben und Lesen gar nicht mehr ausgelebt habe. Dass es mir ein Leichtes ist, anderen beim Wachsen zu helfen – und bei mir selbst immer wieder vor Hürden stehe. All das können wir nicht sehen, wenn wir vom Schleier des Funktionierens umgeben sind. Und so stimmt es doch: In jeder Krise steckt eine Chance. Also – wenn ihr sie noch nicht sehen solltet, irgendwann wird es euch klar, warum ihr in der Scheiße steckt, in der ihr steckt. Wir Menschen sind einfach zu besondere Geschöpfe, als das wir unser Leben nur im Halbbewusstsein verbringen.

Ich wünsche euch den Mut, hinter die Hürden zu blicken und die Fantasie, euch vorzustellen, welche Chancen auf euch warten.

 

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