Die Tür aufstoßen: Ergebnisse eines Schreib-Workshops

Copyright by gerardagudo/flickr.com

Copyright by gerardagudo/flickr.com

Gegensätze

Du bist nicht perfekt. Und eben diese Unperfektheit macht Dich einzigartig unter allen Steinen. Es gibt da eine Seite an Dir, die so ist, wie ein Stein sein sollte: Perfekt geschliffen, mit weichen Rundungen fügt sie sich in meine Hand. Sie schmiegt sich hinein in ihre Höhle und niemand würde Dich bemerken – wenn, ja, wenn da nicht die andere Seite wär.
Die kantige, scharfe Seite, die ihre Spitzen in mein weiches Fleisch haut. Die sagt: Hey, ich bin hier! Nimm mich wahr! Sieh mich gefälligst an, denn ich bin nicht selbstverständlich.

Diese Seite sieht gebrochen aus. Als wäre sie einst mit Gewalt ein Stück ihrer selbst beraubt worden. Sie ist nicht einfach in der Mitte gebrochen, sondern schief und uneben. Diese Seite ist die gelebte Seite. Die Seite, in der die Emotionen gelebt wurden und immer noch leben. Freud, Leid, Schmerz, das Auseinandergerissenwerden einer Liebe zum Beispiel, wo beide nicht mehr vollkommen sind, wo Träume und Hoffnungen geplatzt sind. Was wäre der Stein ohne diese Bruchstelle? Und was wäre er ohne seine weiche Seite, ohne die der Gegensatz zur anderen gar nicht auffalen würde?

Ich habe Dich gewählt, weil Du wie das Meer bist. Blau-türkis kommst Du daher. Algengrün und Himmelsblau. Deine verschiedenen Maserungen erzählen von einem langen Leben.Die Risse in ihr von Unwetter, die zu Brüchen führten.

Du hattest kein langweiliges Sein. Nein, DU nicht.

Paralleluniversum

Du bist eine Ahnung. Eine Ahnung eines Gefühls, das ich vor Jahren ausgeklammert habe.Verschwunden aus meinem Denken, nur noch übrig als Schatten in meinem Blickfeld, das grau geworden ist.
Dann stehst Du da. Und alle längst verschütteten Vulkane brechen durch Härte, durch Schichten aus Herzensleere, brechen durch bis sie fast die Oberfläche erreichen.
Eine Lava aus Hitze kribbelt mir über die Handrücken, über die Arme, in den Brustkorb, schütten sich aus im Bauch und fließen die Beine hinab bis in die Fußsohlen. Reißen die Füße vom Boden wie Bäume aus ihren Wurzeln.
Ich. atemlos. Zittrig bewegen sich meine Lippen, die sich an die Deinen wünschen.
Mein Blick gleitet in Deine Augen, zählt die dunklen Wimpern, die mit Deiner Augenfarbe verschmilzen.
Ich entlade mich in Deiner Tiefe.

Du erzählst. Ich höre kaum zu. Du lachst. Ich weiß nicht mehr worüber. Dein Lachen. Dein Lachen.

Alles um uns – der andere, der neben Dir steht – nehme ich nur flüchtig wahr. Als wäre ich in einem Paralleluniversum, in das sich mein Bewusstsein zurückgezogen hat.

Ich atme. Es ginge auch ohne zu atmen. Jetzt.

Ich stehe. Wie ein Schulkind aufgeregt, ängstlich, aufgelöst in ihre einzelnen, kleinsten Bestandteile. Deine Lebendigkeit zerrt an meiner Fassade. Doch sie fällt nicht.

Ich gehe. Ich bin nicht mehr dieselbe.

Wie Du

Ich bin wie Du. Ich will das nicht sehen genauso wie Du das nicht sehen willst.
Wir haben uns lange nicht getroffen und je länger die Zeit, desto ähnlicher werde ich Dir.

Ich bin wütend. Enttäuscht. Verletzt. Von all den Dingen, die Du falsch gemacht hast ist das Nichtstun das Schlimmste. Deine Kälte erfriert mich.

Vielleicht verglühe ich Dich mit meiner Wärme.
Vielleicht bin ich in Wahrheit Dein Gegenstück.

Ich bin wie Du – meine Art zu reden, zu lachen, auszusehen – wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich Dich. Nein nein, das kann nicht sein. Doch, ja! DAS ist die Wahrheit!

Die Wahrheit ist das was uns fehlte. Wie der Klebstoff der zwei Teile zusammenhält, sind wir auseinandergefallen. Wortlos. Zeitlos.

Ich liebe den Moment, als der Gedanke in mein Bewusstsein drang, dass ich keine Angst haben muss. Mich nicht länger klein machen muss. Nicht an mir zweifeln muss.

Denn ich bin wie Du. Stark wie ein Löwe, geschmeidig wie eine Katze und stolz wie ein Pfau.

Danke. Mama.

Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply