Die Wut der Anderen

Copyright by Dietmar Temps

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Warum tangieren uns Menschen, was andere von uns halten? Warum macht es uns wütend, wenn der gestresste Jogger (den Joggen anscheinend nicht ENTstresst) einen wütend anmault, man möge doch den Hund an die Leine nehmen? Warum ärgern wir uns, wenn jemand unsere Kinder nicht mag, wenn wir nicht so drauf sind wie sie wollen oder wenn wir anders leben wie sie? Warum macht es uns was aus, wenn jemand an unserem KnowHow kratzt, wenn wir tun was wir wollen und ihnen das nicht genehm ist?

Warum nur macht uns das was aus? Das Leben wäre doch so viel leichter, wenn uns egal wäre, was andere über uns sagen. Aber mir ist es nicht egal. Mich hat es wütend gemacht, dass jemand meinen Hund derart ablehnt und ich ihn daraufhin an die Leine nehmen musste. Denn das wollte ich gar nicht, nicht in dieser freien Landschaft, wo er mal frei sein darf. Aber dieser Mann, der sich so aufgeregt hat, hat für einen Moment seine Wut auf mich übertragen und ich habe es geschehen lassen. Den Stress spürte nicht nur mein Hund, sondern sogar ich selbst. So ließ ich ihn nach einer Weile wieder von der Leine und schreite erst einmal laut. Die Wut verwandelte sich in lautes Lachen und den Gedanken, dass es an mir liegt, ob ich zulasse, dass jemand seine Wut auf mich überträgt.
Kaum zuhause erhalte ich eine Nachricht von einem meiner ehemaligen Chefs. Er hatte kürzlich einen TV-Auftritt, mehr ungewollt denn gewollt. Eine steife, mehr als peinliche Veranstaltung. Das habe ich ihm natürlich so nicht gesagt, sondern es versucht, nett zu verpacken. Seine Reaktion: Er schien sauer und teilt meine Meinung überhaupt nicht. Das ist nicht schlimm, gerade auf diesem Niveau muss es verschiedene Meinungen geben, sonst gäbe es Stillstand und keiner könnte dazulernen. Er empfahl mir, die Richtlinien ihrer Stakeholder-Arbeit anzusehen. Da ich für ihn Lobbyarbeit betrieb, kenne ich diese – aber es schien ihm wichtig zu sein, mir zu demonstrieren, dass er über mir steht. Den Kloß im Hals nehme ich bewusst wahr, gebe ihm jedoch nicht zuviel Aufmerksamkeit.

Für meine Denke ist das ein gefundenes Fressen, sie wälzt sich in seinen Worten und fühlt sich pudelwohl. Sie lassen die Selbstzweifel von der Kette, die mich garstig anspringen und mich zu Fall bringen wollen. Warum tangiert es mich, was er von mir hält? Warum raubt es mir die Luft, warum schnürt mir der Kloß jegliches Wort ab? Ich glaube, ganz viele kennen dieses Gefühl. Im ersten Moment ist man überrascht. Dann baff. Dann bekommt man Herzklopfen. Dann bildet sich der Kloß. Dann ist man trotzig. Dann wütend. Und dann sucht man nach Erklärungen, warum derjenige das jetzt so gesagt hat. Da man meist keine gute findet, nimmt man das Naheliegendste: Es muss etwas mit mir persönlich zu tun haben. Und schon sind sie da, die Selbstzweifel.
Wie auch immer: Ich denke, ich habe einen wunden Punkt bei ihm getroffen. Manche Menschen ertragen es nicht, zu scheitern. Und noch weniger können sie es zugeben.

Es wäre zu leicht, zu sagen, fortan sei mir die Meinung der anderen egal. Das funktioniert nicht. Wir können unserem Denken nicht vorschreiben, was es zu denken hat. Oder unserem Herzen, was es zu fühlen hat. Genauso wie wir uns nicht sagen können, dass wir jetzt loslassen. Oder vergeben. Das geschieht einfach, ohne unser Zutun. Wenn wir bereit sind, lässt es uns los. Es vergibt in uns. Bis dahin ärgere ich mich weiter, wenn mich jemand blöd anmacht. Am Ende sind es ja doch nur Worte von irgendwelchen Menschen, die wir nicht kennen und die in Wahrheit keinen Unterschied in unserem Leben machen.

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