Heute lasse ich die Hosen runter. Ich bin nie glücklich gewesen.

Copyright by Hartwig HKD

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Ich gestehe: Ich habe viel in meinem Leben falsch gemacht. Ja, ich lasse die Hosen runter – ich kann mir und auch euch nichts mehr vormachen. Mir habe ich nun 31 Jahre etwas vorgemacht. Mir meine Welt gebaut und nicht erkannt, dass die Farben, die ich verwende, verblassen, wenn man mit der Lupe genauer draufschaut. Nicht erkannt, dass das was ich dachte zu sein vielmehr das ist, was andere meinen, wie ich zu sein habe. Ja, ich bin Meisterin der Fassade, wenn es darum geht, die funktionierende toughe alleskönnende Tanja zu sein.

Ich lächle, wenn ich eigentlich weinen möchte. Aber ich kann nicht mal mehr traurig sein.

Ich mache immer weiter, auch wenn ich nichts tun könnte. Ich kann nicht mal nichts tun.

Ich rede, wenn ich schweigen sollte. Und ich kann auch nicht einfach mal die Fresse halten.

Mit 31 Jahren bin ich ein emotionaler Krüppel – mehr als je zuvor. Ich bin weder in der Lage zu flirten noch ein normales Gespräch mit einem Mann zu führen. Ich kann nicht mit Kritik umgehen und mit Ablehnung schon gar nicht. Ich kann mich selbst nicht lieben und nicht einmal mögen. Ich baue täglich Traumschlösser, denen ich nachjage und dann enttäuscht bin, weil ich sie nicht erreiche. Ich wünsche mir ein Leben, dass ich effektiv nicht habe – das ist die Wahrheit, das ist Fakt. Ich habe kein schöneres, reicheres, zufriedeneres, bunteres, schlankeres, erfolgreicheres Leben. Nur das, was jetzt da ist.

Schmerzhaft? Oh ja.

“Sie verlassen sich jeden Tag selbst” – sagte ein weiser Mann vor ein paar Tagen zu mir als ich schluchzend und wie ein totales Opfer wehleidig vor ihm saß. “Sie achten immer auf andere, was andere tun, sagen, wollen, denken, fühlen – aber nicht einmal achten Sie auf das, was SIE tun, sagen, wollen, denken oder fühlen”. Das ist ganz schön scheiße, nach Jahren, an denen man an sich “arbeitet” im Prinzip zu hören, dass man nicht mal die Basics beherrscht. Aber hey, ich bin hier nicht in ner Ausbildung mit Abschlusszertifikat. Glückwunsch, Sie haben das Leben bestanden!

Ha!

Wenn es so einfach wäre, hätte ich das fucking Zertifikat schon. Denn in Leistung bringen fühle ich mich durchaus sicher, so der einzige Teil meines Lebens, in dem ich mich sicher fühle.

Ist es so, dass man in den 30ern noch mehr abfuckt? Ich meine, entschuldigt die Wortwahl, aber das triffts einfach am Besten. Ich rede von den einsamen Singlefrauen, bei denen die Figur nicht mehr so sitzt, die ersten Falten und Krankheiten kommen, man fühlt sich alles andere als energiegeladen, sondern hängt Abend für Abend träge auf der Couch und die darüber sinnieren, was in ihrem Leben falsch läuft – und Jahr um Jahr verstreichen lassen.

Ich weiß, ich bin nicht allein. Da draußen gibt es ganz ganz viele, tausende, unzählige weibliche Heldinnen, die ihr Leben auf diese Art und Weise meistern. Denn ja, sie sind stark, sie sind meine Helden. Sie haben es nicht leicht, wahrscheinlich hatten sie es nie leicht. Und trotzdem machen sie weiter. Versuchen ihr Leben zu verbessern, sich selbst besser zu verstehen. Und dabei sieht niemand ihre Tränen – im Gegenteil, man erhält noch Bewunderung dafür, wie man sein Leben doch so toll meistert, wo man doch so allein ist. Du wirst auch noch den Richtigen finden und dann schweben wir auf unserer butterweichen schweinchenrosa Wolke durch unser Leben und alles ist schön und toll und perfekt. Ne is klar. Ich hasse diese Alibi-Sprüche, die nur zeigen, dass sich jemand überhaupt nicht mit mir und dem was mich wirklich bewegt auseinandersetzen möchte. Aber wisst ihr was, ich bin froh, dass es euch da draußen gibt. Ich habe ja schon oft darüber nachgedacht, dass es eigentlich einen Verband für uns geben müsste. Verbände stehen für die Themen und Anliegen ihrer Mitglieder ein. Endlich mal jemand, der sich um uns Gedanken macht und uns SIEHT im perfekten Leben-Dschungel. Traurige Heldinnen unserer Zeit.

Der Wunsch, glücklich zu sein, ist inzwischen zu einem Volkssport geworden. Ich kann mich davon auch nicht frei sprechen (wie man schon an meinem Blognamen sieht – LOL). Dabei ist Sport doch so gar nicht meins. Und je mehr wir danach streben, glücklich zu sein, desto unglücklicher werden wir – ist es nicht so? Ich glaube, dass wir ZUVIEL nachdenken und uns verdenken. Wir können nicht einfach mehr so sein wie wir sind und hinnehmen wie wir jetzt gerade fühlen. Manchmal wünschte ich mir, ich würde nicht so viel denken. Dann wäre einiges einfacher.

Gerade kommt Michael Jackson im Radio. Ich erinnere mich genau an den Abend, an dem er starb und ich traurig und tief bestürzt den ganzen Abend alte Michael Jackson Platten hörte. Damals konnte ich noch fühlen. Traurig sein war damals gar nicht schlimm. Nicht wie heute, wo traurig sein gleich ne fette Depression bedeutet und man sein ganzes Ich, sein ganzes Leben anzweifelt. Nicht mal eben nur so traurig sein oder mal eben Liebeskummer haben. Heute geht es um den dahinter liegenden Wunsch nach Familie und Fortbestehen, nach dem Sinn im Leben – nichts ist mehr einfach  nur mal so! Vielleicht gehört traurig sein zu meinem Leben dazu. Genauso wie mein Lachen dazu gehört und den stetgen Drang nach weiter, anders, besser, höher, schöner, intensiver. Aber statt trauriger zu werden, könnte ich nicht bitte einfach glücklicher werden? Ich meine, das wäre doch möglich oder?

Ich bin nie glücklich gewesen. Ich mache mir, euch, nichts mehr vor. Ich habe mir all die Jahre nur einen Rahmen geschaffen, der ganz gut gepasst hat und in dem ich meine Rolle wohlgesittet ausführen konnte. Ich wurde geliebt, zumindest von einem Abklatsch von Pseudo-Familie, die als Ersatz für meine kranke Familie diente. Keiner kann eine Familie ersetzen. Keiner kann Mutter und Vater ersetzen. Keiner ein gebrochenes Herz heilen, das Eltern einst mit Gewalt zerstört haben.

Versteht mich nicht falsch – natürlich gab es auch einige schöne Momente in meinem Leben. Ich rede von einem Glücklichsein mit mir selbst. Ein auf sich selbst acht geben, sich selbst gutes tun, sich selbst mögen, an sich selbst glauben. Und ich rede von Zufriedenheit mit seinem Leben, seinen Zielen und Wünschen. Ich lasse es immer noch nicht zu, meine Wünsche überhaupt klar auszusprechen, geschweige denn mir anzumaßen, sie zu realisieren. Ich rede von einem Glücklichsein, dass man energievoll lebt. Mit Freude. Mit Leichtigkeit. Mit einem Dahintreiben, dem Quietschvergnügtsein, dem sich völlig fallenlassen, sich völlig auf sein Leben einlassen. Davon rede ich. Nicht von Massenprodukt Leben, was uns vorgelebt und ach so erstrebenswert ist.

Heute hat mich ein Mann auf der Straße mit meinem Namen angesprochen – er hatte mich vor zwei, drei Jahren getroffen und sich tatsächlich meinen Namen gemerkt. Ich war erschrocken.

Ich wurde gesehen.

Ich habe mein alles ist gut-Lächeln aufgesetzt –

und bin geflüchtet. So viel “nett” bin ich nicht mehr gewohnt.

Ich sag ja, voll Emo.

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