Ich darf verletzt sein oder gekränkt, stur oder voller Groll. Ich darf meine Standpunkte aber jederzeit auch wieder aufgeben

Copyright by Beto Vilaboim/flickr.com

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Mich bewusst entscheiden: Für das kleine Glas herrlichen naturtrüben Apfelsaft. Für ein gutes, gesundes Essen. Für einen Song. Oder für die Aufgabe von Gekränktsein, von Sturheit. Nur wenige, aber doch tiefgreifende Dinge, für die ich mich an diesem Wochenende bewusst entschieden habe. Weil wir alle in der Lage sind, bewusste Entscheidungen für oder gegen etwas oder jemanden zu treffen. Wir können sagen: Das möchte ich nicht. Oder: Das mache ich nicht. Wir können uns entscheiden, unsere Energien von einer Person auf eine andere zu verlagern. Oder: Ich bin dafür nicht zuständig. Und: Das liegt nicht in meiner Verantwortung. Ich darf entscheiden, ob mich etwas verletzt oder kränkt. Ich darf stur sein und voller Groll. Und dann darf ich all das auch wieder aufgeben. Warum? Weil ich es KANN.

Der Schlimmste Part meiner Depression ist die Ohnmacht. Ohnmacht dem Leben gegenüber, dem was mir “passiert”. Ohnmacht gegenüber Kränkungen und Ohnmacht in der Einsamkeit. Diese Ohnmacht kann ich nicht “ablenken”. Sie lässt sich nicht durch “tun” beherrschen. Nicht besiegen, indem ich sie anschreie. Oder anflehe. Anflehe zu gehen und mich in Ruhe zu lassen. Sie geht, wenn ich sie liebevoll in den Arm nehme und ihr zuhöre. Sie geht, wenn ich im Kleinen beginne, Entscheidungen zu treffen. Wie für dieses Glas unglaublich leckeren Apfelsaftes, den ich eigentlich nicht trinken dürfte. Es ist mir egal: JETZT tue ich das, was ich will.

Ich dachte immer, dass ich tue, was ich will. Ich entschied mich für das Studium, das ich wollte. Für die Praktika, die meinen Eltern zufolge sinnlos waren, für mich aber das Tor zur Welt waren. Ich entschied mich, ungesund zu essen und mich nicht zu bewegen. Ich entschied mich für mein Hamsterrad, für meine Mühle, aus der mich nur eine chronische Erkrankung herauszerren konnte. Bei all dem dachte ich, ich würde das tun, was ich will. Aber habe ich mich je bewusst entschieden? Habe ich mich je gefragt, ob ich das wirklich wirklich will? Heute weiß ich, dass ich meine Eltern stolz machen wollte. Dass ich wollte, dass sie mich schätzen – weil ich Leistung bringe. Das war eine Entscheidung für SIE, aber nicht für mich.

Es gibt Tage, wie gestern, da zweifle ich immer noch sehr an mir. Dann sehe ich mein Leben an und komme mir ganz klein und wertlos vor. Ich habe nichts vorzuweisen, was andere vorweisen würden, wenn man sie fragt: Und? Was machst Du so?
Und ich? Was mache ich so? Ich versuche klarzukommen, mit leichtem Aufwind Richtung Leben. Manchmal versuche ich mich anzutreiben, während ich mich manchmal einfach treiben lasse. Manchmal bin ich sogar lieb zu mir und manchmal kann ich mich gar nicht leiden. Manchmal sehe ich morgens in den Spiegel und finde lebhafte, lächelnde Augen vor. Dann lächle ich ihnen zurück und denke, da ist sie wieder, die neue “alte” Tanja. Und manchmal sehe ich mich an und mein Blick ist müde und stumpf und ich denke, dass die Energie wohl durch die Fußsohlen ausgelaufen sein muss.
Manchmal finde ich mein momentanes Leben total sinnlos. Und manchmal das sinnvollste, was ich je getan habe.

Ein Grund, warum ich gestern an mir zweifelte, war ein Film, den ich gesehen habe. Er heißt “Kein Mittel gegen Liebe” und ich dachte, ich würde mir einen schönen Liebesfilm ansehen. Doch der Film war das Traurigste was ich seit langem gesehen habe. Die Protagonistin wurde aus ihrem Party-Karriere-Leben herausgerissen, als sie bei einer Routine-Untersuchung erfuhr, dass sie Darmkrebs hatte – im Endstadium. Die Chemo schlug nicht mehr an, also hatte sie nicht mehr lange zu leben. Sie hatte sich in ihrem ganzen Leben nicht einmal verliebt, zu groß war die Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung. Irgendwann verliebte sie sich dann ihren Arzt…aus meiner Sicht ein Thema am Rande. Was mich so berührt und traurig gemacht hat, war, dass sie vor ihrer Erkrankung keinen bis schlechten Kontakt zu ihren Eltern hatte. Ihre Mutter wollte ihr immerzu ihre Lebensweise, Einstellungen und Meinungen aufdrücken und auch ihr Vater hat in seiner Vaterrolle nicht gerade geglänzt. Erst die Erkrankung führte dazu, dass ihre Mutter zum ersten Mal ihre Tochter richtig kennenlernte und ihr Vater ihr zum ersten Mal sagte, dass er sie liebe. Aber das Schlimmste war, dass der Protagonistin sehr schnell bewusst wurde, dass sie nicht mehr erleben würde, was andere erleben: Sie konnte keine Kinder mehr bekommen und keine Familie gründen. Das machte sie unfassbar traurig und wütend, denn das konnte ja keiner ahnen, dass das Leben einfach so vorbei sein könnte!
Ich habe Rotz und Wasser geheult bei diesem Film. Und dann saß ich da, verheult und traurig und dachte über mein Leben nach und dass ich all die Dinge, die ich so gerne mal erleben wollte, immer noch nicht gemacht habe! Nicht eines davon. Ich dachte darüber nach, wie lange ich mir schon einen Hund wünsche und nie die richtige Zeit dafür war. Ich erinnerte mich, dass ich gestern mittag vor der Drogerie einen Labrador gestreichelt habe, der auf sein Frauchen wartete. Er war nass bis auf die Haut (und nasse Hunde riechen auch wie nasser Hund!), aber das war mir egal. Es war so schön, durch sein Fell zu gehen und mit ihm zu sprechen, seine großen Augen die mich ansahen…
…und ich dachte an all die Reisen, die ich immer machen wollte. Warum ist es so schwer, etwas für sich zu tun? Warum halten wir uns selbst von Dingen ab, von denen wir doch wissen, dass wir sie uns wünschen? Warum kriegen wir den Teufel nicht von der Schulter, der sagt: Na, das brauchst Du doch nicht! Geh mal lieber arbeiten! Was soll ich nur tun, damit ich diese Dinge endlich tue? HA – ihr werdet jetzt sagen: Tu sie doch einfach. Aber da sind die ganzen “Abers”, diese vielen “Abers”, die mich am Ende immer abhalten. Scheiße, jetzt bin ich wütend – wütend auf mich. Ich muss anscheinend erst noch lernen, mir Träume und Wünsche zu erfüllen. Vielleicht muss ich auch hier erst noch erkennen, dass ich es KANN.

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