Ich habe mindestens 100 Ängste und Du so?

Hände - Copyright by Alessandro Vannucci/flickr.com

Hände – Copyright by Alessandro Vannucci/flickr.com

Ich werde dieser Tage mit einigen “alten” Themen konfrontiert, die mich sehr nachdenklich, aber auch zerbrechlich und auch stark machen. Ein Disput mit einer Teamkollegin ermöglichte mir, mich der Beziehung zu meiner Mutter neu zu stellen. Ja, ich spreche von ermöglichen, denn so erkannte ich, dass da noch viele alte Verletzungen und Blockaden sind. Und dass auch ich mich nicht immer korrekt verhalte, dass ich es immer noch nicht schaffe, zu deeskalieren. Ich hatte auch ganz viel Angst, dieser Person heute wieder zu begegnen, ich hatte Angst vor den Emotionen, die sie in mir hervorruft, vor der Unbeherrschtheit, vor dem Kontrollverlust. Am Ende kann ich sagen: Es war gar nicht schlimm. Ich versuchte, ein Gefühl von Frieden und Vergebung in mir entstehen zu lassen – und Groll und Wut einfach mal sein zu lassen. Denn auch wenn diese “negativen” Emotionen zu unserem Leben dazugehören, rauben sie mir mehr Energie als es die Sache eigentlich wert ist.

“Ich kann mich nicht wehren, ich bin hilflos” ist ein Glaubenssatz, der sich durch diese Situation mal wieder in seiner Deutlichkeit zeigte. Diesen als Kind für hilfreich entwickelten Glaubenssatz kann ich heute als erwachsene Frau ablegen. Er gilt nicht mehr. Denn es gibt immer einen anderen Weg, den wir beschreiten können. Wir können uns entscheiden: Will ich den Weg aus Wut und Groll weitergehen oder biege ich ab in Gelassenheit oder nehme ich den der Vergebung oder oder. Es gibt so viele Wege. An diesem Tag des Disputs habe ich nicht nach meinen Werten gehandelt, denn ich begegnete ihr nicht so wie ich möchte, das mir begegnet wird. Ich habe ihr keinen Respekt entgegengebracht und damit auch mir nicht. Und ich habe keine klare Grenze gezogen, als diese von ihr überschritten wurde. Ich stand nicht für das ein, was mir wichtig ist, sondern habe mich von dem Sog der Emotionen mitreißen lassen. Ich hätte Nein sagen sollen, als es nötig war und Stopp, wo es anfing, weh zu tun. Aber heute ist ein neuer Tag, ich kann es heute besser machen. Ich kann es als Anstoß zur Weiterentwicklung sehen.

Dieser Tage werden wir häufig mit alter Trauer und alten Wunden konfrontiert. Es ist als hätten diese nur eine dünne Hautschicht bekommen, unter der sie sich all die Jahre gut versteckten und jetzt erneut aufbrechen.
Viele Menschen hadern gerade mit sich, straucheln, stürzen, fallen tief. Mir fällt die Negativität auf, die sie umgibt. Ich schließe mich da nicht aus. Auch ich habe solche Tage momentan. Sie sind eine große Herausforderung. Schließlich möchte ich nicht wegdrücken, was sich da zeigt (ich halte nichts von Schönfärberei), gleichzeitig möchte ich mich nicht hineinfallen lassen und dem ganzen noch Futter geben. Ich versuche, ihnen Stütze zu sein soweit es geht. Ich höre zu, ich tröste und motiviere. Doch manchmal, manchmal möchte ich mich auch schützen vor dieser Energie, die ich eigentlich nicht mehr in meinem Leben forcieren möchte. Eines meiner Ziele für 2014 ist es, meine Lebenseinstellung mehr in Richtung Optimismus und Zuversicht zu programmieren. Denn ich habe festgestellt: Es muss sich rein gar nichts verändert haben, weder in Beziehungen, noch mit der Arbeit noch gesundheitlich – und trotzdem denke ich morgen plötzlich negativer als heute. Ich fühle mich manchmal scheiße obwohl gar nichts passiert ist! Und dann auch wieder gut, ohne das etwas passiert ist. Und auch wenn etwas passiert, kann ich mich morgen wieder aufrappeln und weitermachen.

Es ist wichtig, dass wir unsere negative Scheiße fühlen, wenn sie da ist. Dass sie da sein DARF. Dann muss geweint werden, dann dürfen Tränen im Überfluss fließen, dann dürfen wir mit allem hadern und an allem zweifeln. Aber dann…sollten wir unser schönes Haar schütteln, den Kopf stolz in die Höhe strecken, ein bezauberndes Lächeln aufsetzen und uns fragen: Ist wirklich alles so scheiße oder gibt es auch etwas Gutes in meinem Leben, auf dem ich aufbauen kann? Welche schönen Momente kann ich mir selbst schaffen, um dem dunklen Gefühl in mir etwas entgegenzusetzen? Wo liegen die Chancen, wie kann ich mein Leben positiv verändern? Was tut mir gut und vor allem, WER tut mir gut?
Deshalb gehe ich auf Verabredungen, Teamtreffen oder Veranstaltungen – auch wenn mir nicht immer danach ist. Denn meine Erfahrung ist, dass ich mich letztlich dort immer richtig gut fühle, dass ich gestärkt nach Hause gehe, dass ich mein Inneres durch sie wieder auf das Schöne im Leben ausrichte. Das ist mein Lernprozess, diese Hindernisse aus Depression und Müdigkeit zu überwinden, um mit berührenden Momenten 100fach belohnt zu werden.

Ich wurde heute von einem mir völlig fremden Mann auf einem Teamabend angesprochen, wovor ich Angst hätte. Ich – verwundert – antwortete ihm unbekümmert: Ich habe mindestens 100 Ängste und Du so? Dabei lachte ich, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, mir meiner Ängste bewusst zu sein.
Ich zählte einige auf: Angst, krank zu werden. Angst, schwach zu sein. Angst, abgelehnt zu werden. Angst, nicht erfolgreich zu sein. Angst das und das und das nicht zu schaffen. Angst zu versagen. Angst zu lieben. Angst zu hassen.
Er schaute mich an und sagte, mir stünde die Angst mit Großbuchstaben auf der Stirn. Ob das nun so ist, kann ich nicht beurteilen. Was ich sagen kann ist, dass ich mir meiner Ängste heute zumindest bewusst bin – im Gegensatz zu früher, wo ich dachte (und kommunizierte), ich hätte vor nichts Angst und hatte dabei eigentlich hunderte von Ängste, die ich nur tief vergraben hatte unter dem Deckmantel aus Stärke und Selbstbewusstsein. Und hey, das ist doch schon mal etwas! Scheiße ja, ich habe Ängste! Und die machen mir verdammt nochmal ne scheiß Angst! Aber wenn ich sagen kann, was mir Angst macht, kann ich bald auch sagen, was mich lieben lässt. Was mich mutig macht. Was mich wachsen lässt und wo zwischen all den Ängsten das Glück liegt. Das Gegenteil von Angst ist Liebe – habe ich heute im Buch von Robert Betz “Willst Du normal sein oder glücklich” gelesen. Liebevoll mit mir zu sein, wenn ich Angst habe, aber auch mit anderen, auch wenn ich Angst vor ihnen habe – das ist der Schlüssel zum inneren Frieden. Und wenn wir das noch nicht immer schaffen: Macht doch nichts. Morgen ist ein neuer Tag.

 

Previous Post Next Post

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply