Ich will nicht mehr – so tun oder das sagen, nur damit ein anderer bloß nicht denkt ich sei unglücklich.

Junge sw_Dietmar Temps

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Ich traue dem Frieden nicht.  Ja genau so habe ich es zu meiner therapeutin gesagt.  Sie wusste nicht was ich damit meine. Ich sagte ihr daraufhin dass es mir echt gut gehen würde in den letzten tagen und ich darüber sehr verblüfft sei. Seit nahezu zwei jahren kann ich keine Besserung jeglicher Baustellen feststellen.  Ich habe mich an ihnen abgearbeitet.
In der Hoffnung nur irgendwas davon je wieder unter Kontrolle zu haben.

Und nun. Ein komisches Gefühl wenn es einem gut geht. Ich fühle mich fit und Energiegeladen. Die negativen Gedanken haben sich nahezu verabschiedet.
Warum macht mich das nur so nervös?  Wie gut dass in den letzten tagen immer wieder Ängste an die Tür geklopft haben. Dann ist ja alles gut.

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Scherz.  Aber wisst ihr…wenn einem das Leben über sehr lange Zeit nur arschtritte gibt,
Dann macht ihr große Augen, wenn euch gutes widerfährt.
Ich sitze zugegebenermaßen mit weiiit aufgerissenen Augen da. will mich das leben jetzt verarschen? Wo ist die versteckte kamera zum Teufel.

Eines fällt mir in den letzten Wochen sehr stark auf.  Sehr viele in meinem Freundeskreis waten gerade durch die Scheiße ihres Lebens.  So wie ich in den letzten monaten Trost und ein Ohr gesucht habe so suchen sie es jetzt bei mir. Auch Menschen die mir einst nicht ihr ohr geliehen klopfen leis und zaghaft an meine Tür.  Und dann erzählen sie.  Was sie fühlen und was ihnen widerfahren ist.  Und da empfinde ich nur eins: Verständnis und Mitgefühl.
Mir wird klar dass sich jeder von ihnen mit massiven Problemen herum schlägt.  Genauso angst hat und ohnmächtig ist wie ich.

Ich fühlte mich so allein mit meinem Berg an sorgen und Problemen. Ich dachte alle anderen haben ihr Leben im griff. Welche kämpfe sie in sich austragen durfte ich jetzt erst sehen. Ich bin dankbar dass sie mich an ihrem Inneren teilhaben lassen. Wie schön, wie erhebend sind gute Neuigkeiten wenn man die schlechten geteilt hat.

Ich weiß jetzt: nur weil Menschen nichts sagen heißt es nicht dass alles in Ordnung ist.  Es heißt nicht dass sie keine sorgen haben. Oder glücklich ist. Die These – glücklich ist der der nicht über Unglück spricht – ist also falsch. Ich glaube dass wir dazu erzogen wurden nach außen zu lächeln obwohl wir innerlich weinen.  Uns wurde gelehrt unsere sorgen für uns zu behalten.  Stark zu sein oder so zu tun. Ich schwöre diesem “Schauspiel auf der Bühne des Lebens” ab. (Anm. Der Autorin: Dank an Jasmina für diese Wortwahl, die stets ihre Ausführungen über das Leben prägte. Ich erlaube es mir daher es in Anführungszeichen zu setzen.)
Ich will nicht mehr
(Immer)

Ernst sein.
Erwachsen sein.
So tun als ob es mir gut ginge wenns nicht so ist.
So tun als hätte ich alles im Griff wenns nicht so ist.
Für alles eine Antwort parat haben.
Mich selbst bescheissen, mich selbst belügen.
Die Erwartungen anderer erfüllen.
Mich so zu verhalten wie ich denke damit anderen zu gefallen.
Masken tragen.
Männlich sein weil ich denke dass ich das müsste um im Job erfolgreich zu sein.
Meine weiche Seite, meine weiblichkeit ,verstecken
Alles kontrollieren wollen. Das Leben lässt sich nicht kontrollieren.
Unecht sein.  Nur echt will sein.

Ich wünsche allen, dass sie in Wahrheit leben. Und sich nix vormachen.

Meine Hand ist langsam taub, ich tippe den Beitrag auf dem kleinen Handydisplay. Im Bett.

Kopf hoch, ihr seid nicht allein.

Tanja

 

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