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Ich wünsche mir mehr “leben” in meinem “Leben”

Der Kaffee ist nicht stark genug. Ich koche mir einen Neuen. Ich sitze auf meinem Balkon im Liegestuhl und lese. Ich lese etwas von “nach innen gehen” und “mit dem Körper verbinden”. Und ich schließe die Augen und denke: Dann geh ich doch mal nach innen. Vielleicht mache ich es falsch, denn da ist nichts. Ein bisschen Atem, ein bisschen Kribbeln und Pulsieren. Aber sonst. Ich bin frustriert. Ich höre Musik, die ist ganz schön. Dann ein Lied, das so gar nicht passen will zu diesem Samstag morgen Liegestuhl-Moment. Ich nehme mein Handy in die Hand und will wissen, ob mir jemand geschrieben hat. Nichts. Also gehe ich auf Facebook, aber das frustriert mich auch. Also stehe ich auf. Der Teppich ist an einigen Stellen ergraut, nicht “weiß” genug – ich stecke ihn in die Waschmaschine. Und hänge die Wäsche, die ich zuvor gewaschen hatte, auf den Wäscheständer. Ich bin zufrieden. Dann fällt mein Blick aufs Bett und ich denke, die Bettwäsche könnte frischer sein, nehme sie und hänge sie auf den Balkon. Dann setze ich mich wieder in meinen Liegestuhl und lese ein paar Zeilen. Da steht etwas von “Wunsch in sich verankern”. Gut. Augen geschlossen und wünschen. Ich sehe meinen Wunsch ganz klar vor mir. Und nun? Ich bin ratlos. Der DHL-Wagen fährt vorbei. Ich springe auf – warte ich doch seit Tagen darauf, dass meine Pakete abgeholt werden. Ich lasse meinen Hund mit hinaus und gehe dem Postmann entgegen. Bitte ihn, meine Pakete mitzunehmen. Kann er nicht, sagt er. Er sei Express. Und läuft weiter. Lässt mich einfach stehen. Ich bin wütend. Und zweifle an dem Service der Deutschen Post. Schließlich bin ich die, die immer alle Pakete der Nachbarn annimmt. Damit ist jetzt Schluss, beschließe ich und gehe wütend in die Wohnung zurück. Ich hole den Staubsauger aus dem Schrank und fange an, den Boden zu saugen, auf dem zuvor der Teppich lag. Ich sehe mir meinen Fußboden an und denke, immer sieht er dreckig aus. Tja, ist halt so wenn man einen Hund hat. Gleichzeitig ärgert es mich. Es ist mir einfach nicht sauber genug.
Kaum bin ich fertig mit saugen kehre ich auf meinen Liegestuhl zurück. Ich denke, was ein typischer Samstag morgen. Ein Samstag morgen, an dem nichts, aber auch nichts, gut genug zu sein scheint. Es klingelt an der Tür. Hermes. Eigentlich wollte ich meine Pakete erst mit Hermes verschicken – dann ging aber mein Drucker nicht und ich konnte die Paketzettel nicht ausdrucken. Also habe ich es wieder storniert. Das hat dem armen Zusteller aber niemand mitgeteilt. Es scheint mir so verrückt, dass es eigentlich nicht wahr sein kann. Hermes, die ich storniert habe, kommen, aber DHL, die ich bezahlt habe, kommen nicht und lassen mich stehen. Ist hier irgendwo die versteckte Kamera? Oder möchte das Leben einfach mal meine Geduld testen? Es ist wohl gerade nicht die Zeit der Leichtigkeit. Das Dinge leicht funktionieren. Und ich unterhalte mich mit dem Hermes-Mann und er sagt: Es ist alles scheiße hier und er geht. Ab 1. Juli wars das mit dem Job. Und ich denke, richtig so und sage es ihm auch. Warum verharren die einen Menschen in unzufriedenen Situationen und andere ziehen die Konsequenzen und verändern etwas? Bin ich nicht auch genauso stark wie dieser Postbote? Warum sollte ich weniger stark sein? Warum soll ich als einziger Mensch auf der Welt in meinem Leben feststecken? Nun ja, so ganz stecke ich nicht fest – im letzten Jahr hat sich viel verändert. Aber eben wieder “nicht genug”. Werde ich jemals in meinem Leben an einem Punkt sein, an dem etwas einfach “gut genug” ist? Werde ich mir meinen Fußboden anschauen und meine Wohnung und sagen: Genau so ist es gut? Nein, ich habe keinen Putzfimmel, im Gegenteil. Meine Wohnung ist vielmehr Spiegelbild meiner Seele. Alles etwas zu eng, alles etwas zu voll und alles etwas zu chaotisch. An einigen Stellen sieht man, dass man versucht hat, es schöner zu  machen und das ist auch gelungen. Aber eben – nicht genug. Es ist nicht genug schön, es ist nicht genug groß, es ist nicht genug dass, wie ich leben möchte. Und während ich das denke, sehe ich vor meinem inneren Auge ein Haus mit einem Garten mit altem Baumwuchs aus Laub- und Obstbäumen. Ich sehe eine weiße Bauernküche und ein gemütliches Wohnzimmer mit Kamin. In diesem Haus ist es nicht eng, mein Garten ist voller Tiefgang und in seiner Unperfektheit wunderschön. Die Dinge verändern sich. Wünsche verändern sich. Manchmal denke ich, vielleicht bin ich mir selbst doch genug. Dennoch ist da immer noch der Wunsch nach “leben” in meinem “Leben”. Denn davon kann man nie genug haben.

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