Jeden Morgen ein anderer Kaffee: Von Wahrheiten und Führungsqualitäten

Copyright by Thorsten Becker/flickr.com

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Eigentlich finde ich mich inzwischen ganz gut so wie ich bin. Wenn ich jetzt noch das eigentlich streichen kann, dann bin ich am Ziel. Am Ziel, mich selbst zu mögen und anzunehmen wie ich bin. Vor zwei Jahren wußte ich nicht mehr, wer ich bin. Ich war wie eine Seifenblase im Wind, die jeden Moment drohte, von einer Windböe erwischt und zerplatzt zu werden. So wie ich funktioniert hatte, funktionierte es nicht mehr. Dann versuchte ich lange anders zu sein, weil ich dachte, das sei richtig. Ich orientierte mich an Büchern, an Lehrern, an allem nur nicht an mir selbst.
Heute ist mir klar: Egal wie sehr ich will – ich KANN nicht anders sein als ich bin. Ich kann mich nicht verbiegen, auch nicht aus einem eigentlich positiven Beweggrund, denn schon nach kurzer Zeit bin ich wie ein Gummiband überdehnt und springe in meine ursprüngliche Haltung zurück.

Dies soll jedoch keine Ausrede sein. Wir müssen unterscheiden zwischen eigens losgelösten Veränderungen  und die, die wir notgedrungen denken, tun zu müssen, weil sie von anderen – denen da draußen – erwartet werden. Der beste Weg zur Veränderung ist der, ihn zu gehen. Und zwar nach seinem eigenen Gusto. Veränderung ist wie Kaffee – an manchen Tagen mögen wir ihn weich und soft, an anderen Tagen stark, an manchen mit Milchhäubchen, an manchen mit Zucker, an manchen einfach nur ein kleiner Espresso.
Wir entscheiden jeden Morgen neu: Wollen wir heute etwas anders tun als bisher? Und manchmal entscheiden wir gar nicht bewusst, stellen dann aber hinterher fest, dass wir ein Stück auf unserem Weg weiter vorangekommen sind.

Ein Beispiel: Ich sitze heute beim Friseur und mir fiel auf, dass das Mädchen das mir die Haare machte, nicht sehr gesprächig war. Ich denke, gut, ich bin auch nicht jeden Tag gut drauf und ließ sie einfach sein. Ihre Aura war distanziert, etwas negativ. Während ich bei meiner Energie blieb, merkte ich, das sie gar nicht bei sich war. Mit ihrer Kollegin fing sie an, über ihren älteren Kollegen zu lästern, der einige Meter entfernt ruhig und gemächlich seine Arbeit verrichtete – zugegebenermaßen ein älterer Mann, der nicht so schnell arbeitete wie seine jungen Kolleginnen. Mir fiel auf, dass ich mich nicht davon beeindrucken lies. Ich ging einfach nicht darauf ein – früher hätte ich mich mitreißen lassen, mitgeschwatzt, mitgelacht. Heute beobachtete ich stattdessen still den alten Mann wie er vorbildlich seinen Arbeitsplatz saubermachte, Ordnung schaffte und mit seinen männlichen Kunden freundlich in Kontakt war. Ich sah ihn mit anderen Augen als seine Kolleginnen ihn sahen und bewunderte ihn für seine Energie, sich in diesem Alter noch den ganzen Tag auf den Beinen zu halten.

Erst heute an dieser Szene ist mir aufgefallen, dass sich meine Sicht auf manche Dinge verändert haben. Dass ich in manchen Szenerien versuche das schöne zu sehen oder die andere Seite der Medaille und bei mir bleibe. Das geschieht irgendwie automatisch, ich sage mir jetzt nicht: Denke positiv. Das ist quatsch. Positive Denke ist der größte Bullshit, den die Persönlichkeitsentwicklungs-Industrie erfunden hat. Damit macht man sich nur etwas vor. Belügt sich selbst, deckelt seine Gefühle, die nun mal da sind und die gesehen und gefühlt werden wollen. Nein es geht darum, dass wir uns oft mitreißen lassen von Energien aus unserem Umfeld. Positiv wie negativ. Doch wo stehen wir selbst eigentlich? Das ist doch das wichtige. Und das können wir jeden Moment neu entscheiden. Und wenn ich mich hätte mitreißen lassen, hätte ich vielleicht irgendwann gemerkt, dass mir das etwas aufzeigen soll, dass ich vielleicht selbst Angst habe, Menschen könnten schlecht über mich reden, könnten sagen, ich sei nicht gut, nicht schlau, nicht energievoll genug. Also auch wenn wir zurückfallen in solche Muster, wir können aus ihnen lernen.

Ich habe gelernt, dass manchmal Konflikte notwendig sind, um zu wachsen. Dass es aber noch wichtiger ist, aufeinander zuzugehen und nach Lösungen zu suchen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Führungskraft ausmacht. Zumindest war das immer meine Erwartung an andere Führungskräfte und mein Bedürfnis, selbst so zu sein, wenn ich eine wäre. Ich weiß nicht, ob das aber vielleicht gerade eine Führungskraft lassen sollte. Aber wenn: Wer sagt, dass das so sein sollte. Letztlich muss es meinem Wertesystem stand halten. Letztlich bin ich ich. Und ich mache das gut. Ich sehe meine Stärken viel deutlicher als früher und mögen mir manche auch gerne meine Schwächen aufzeigen ändert das nichts daran, dass ich auch Stärken habe. Diese heben wir an uns und anderen immer viel zuwenig hervor und das möchte ich mehr kultivieren! Menschen zu helfen, dass sie wachsen und sich entwickeln, bedeutet zwar, sie zu führen, aber auch, die Leine locker und sie frei ihren Weg finden zu lassen. Das bedeutet auch, dass ich sie nicht nur so lasse wie sie sind, sondern in ihren Stärken bestärke. Wir könnten so viele Konflikte vermeiden, wenn man anderen regelmäßig sagt, was man an ihnen gut findet. Nicht umsonst sagt der Kritik-Knigge: Beginne mit einem Lob.

Ich habe genug von Widerstand. Ich möchte Wahrheit. Ich habe genug von Positivismus und Negativität. Ich möchte Wahrheit. Ich habe genug von Masken – Masken die auf Dingen liegen, die wir tun und Masken, die wir uns Montag morgens aufsetzen, um sie am Wochenende abzunehmen. Ich möchte Wahrheit.

Wahrheit die eigene Werte betreffend. Wahrheit die eigenen Gefühle, Ansichten, Bewertungen betreffend. Wahrheit, meine Art zu leben, betreffend.

Das ist wie mit dem Kaffee von neulich morgens. Ich mochte ihn total, er war genau richtig, genau so wie ich ihn mag – stark aber nicht bitter. Ich freute mich darüber wie ein Kind. So bot ich einem Gast eine Tasse an, die er dankend annahm. Auf meine Begeisterung hingegen reagierte er zurückgenommen – er möge Espresso lieber so sprach er. Tja genau das ist es. Mein Kaffee ist nicht sein Kaffee. Und meine Wahrheit ist nicht die Wahrheit der anderen.

Bleibt bei euch und eurer Wahrheit, dann geht alles andere von allein.

 

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