Gegen den Sturm…

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Das Schiff schwankt gefährlich als es von einer Welle erfasst wird. Auf dem großen weiten Meer wirkt das nach außen stabil wirkende Boot plötzlich wie eine Nussschale, für die ein Windhauch ausreicht, um sie untergehen zu lassen. Wenn die See still ist und die Sonne scheint, wippt die kleine Nussschale fröhlich auf dem Wasser auf und ab. Sie spielt mit den Sonnenglitzern, die um es herum tanzen. Dann ist auch die Mannschaft an Bord entspannt und verträumt sich selig am Horizont.
Noch eine Welle. Das edle Holz krächzt unter der Last der Wassermassen. Die Fassade reißt: Erstes Wasser dringt durch Holzpaneele hindurch. Es weicht ins Schiffinnere, auf der Suche nach Wärme, die es löschen kann. Hektisch umherirrend und verzweifelt brüllend bildet die Mannschaft ein Knäuel aus Panik. Bling greifen sie nach Tauen, greifen sie nach Sicherheit. In einer Ecke des Schiffs sitzt ein kleines Kind. Es weint still, ihre Tränen konkurrieren mit den Wassertropfen, die auf es einprasseln. Die Hände vor die Augen geschlagen, der kleine Körper vibriert im Lärm aus Angst. Zerbrechlich wirkt das kleine Kind wie es dort kauert. Jetzt hat es Angst vor dem Wasser, dabei hat es zuvor keine Angst gehabt. Es war sehr mutig gewesen, ja, es war sogar mit Delfinen geschwommen.
Die großen Menschen bemerken das Kind nicht. In ihrer Panik sind sie blind. Auch sie haben Angst, ersticken sie jedoch im Keim mit aufgeregtem Tun. Vielleicht bringt die nächste Welle die Mauer zum Einreißen. Das Meer wütet als würde die Welt untergehen. War es das jetzt gewesen? Können sie diesem Sturm noch einmal trotzen? Die Männer schlittern auf dem nassen Deck, ihre Hände greifen blind nach Halt. Dieses Boot ist alles was sie haben. Geht es unter, gehen auch sie unter. Sie wissen das und stemmen sich mit aller Kraft gegen die nächste Welle.
Nach Stunden des Kampfes gegen die Wassermassen blicken die Augen der Männer müde aus ihren Höhlen.

Möge doch die Sonne durch die Wolken brechen und das Meer beruhigen…

Wertschätzung – oder wie Konflikte einen das Leben lehren

Copyright by Andrea Adante/flickr.com

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Mutig ist, wer es riskiert, auch mal unangenehm zu sein, um nach seinen Werten zu leben.
In den letzten Tagen beschäftige ich mich viel mit dem Thema Wertschätzung. Wertschätzung, die ich mir selbst entgegenbringe, die andere Menschen mir entgegenbringen und die ich im Leben erfahre – oder eben nicht. Wenn man als Kind nie Wertschätzung erlebt hat und einem nichts anderes entgegenschlug als Kritik an Persönlichkeit und Fähigkeiten, der hat nie gelernt, sich selbst wertschätzend zu begegnen. Nicht nur, dass ich dieses Wort nicht wirklich kannte, ich konnte ihm auch keinen Inhalt geben. Ich dachte, wenn ich nur anderen Wertschätzung entgegenbringe, würde ich gut durchs Leben kommen. Doch im Gegenteil, wer nur danach schaut, dass es anderen gut geht, verliert sich selbst völlig aus den Augen.
Ein toller Coach hat mit mir Anfang diesen Jahres meine Werte erarbeitet. Unabhängigkeit und Freiheit gehören ebenso dazu wie ein herzliches Miteinander. Manchmal muss man riskieren, in Unfrieden mit jemanden zu kommen, um für sich einzustehen und nach seinen Werten zu leben. Das heißt nicht, dass Streit schön ist, wer will das schon. Aber manchmal ist es nötig, um sich selbst klar darüber zu werden, wie man leben möchte – und dann auch danach zu leben.

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Von der Wahrheit meines Herzens und dem Glück des Augenblicks

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Glück ist so zerbrechlich. So zerbrechlich, dass ich es gar nicht anfassen möchte, aus Angst, es könnte zu Staub verfallen wenn ich es berühre. Glück ist wie ein Windhauch, manchmal bemerke ich es gar nicht und dann streichelt es mich wieder sanft. Es rötet meine Wangen, zerzaust mein Haar und lächelt durch mich hindurch. Ich sehe nur noch Bäume, Blumen, Himmel, mein Hund, der vor mir läuft und doch immer wieder nach mir schaut. Ich möchte weinen, weil es sich so gut anfühlt, das Glück. Ich fühle Demut. Da – ein inneres Lachen. In diesen Momenten möchte ich das Glück festhalten, es nie nie nie wieder loslassen. Doch es gelingt mir nicht. Ich stelle mir vor, wie sich mein Herz weitet, all seine Fenster und Türen öffnet, um das Glück hineinzulassen. Wenn ich doch nur schnell genug wäre, um sie wieder zu schließen, damit es bleibt. Mein Geist ist still, er ist präsent und nur in diesem einen Augenblick. Doch sobald der Windhauch vorbeigezogen ist, wird das Denken laut. “Halte es fest, halte es fest”, redet es auf mich ein. “Wenn es geht, bist Du wieder traurig, das weißt Du, warum lässt Du es immer wieder hinein”, hält es mein Herz klein.

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Wut ist großartig. Wut ist Energie. Sie macht uns menschlich.

Pastell Himmel

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Wut ist gar nicht schlecht, auch nicht böse oder so. Das wird uns als Kind nur immer wieder eingeredet. Treten wir wütend mit den Füßen auf den Boden, wird das unterbunden. “Lass das”! Und wir lassen es. Wir lassen es während wir Kinder sind, als Jugendliche und als Erwachsene. Und wundern uns, wenn wir als Erwachsene irgendwann vor Gereiztheit platzen, wenn wir Magenschmerzen bekommen, Migräne oder Darmbeschwerden. Hinter dem Gereiztsein steckt unausgelebte Wut. Gefühle, die wir einst gerne gezeigt hätten und nicht durften.

Heute bin ich gereizt. Ob das auf meinen gereizten Darm zurückzuführen ist oder einfach nur so oder weil einfach ein doofer Tag ist – das ist letztendlich auch egal. Wichtig ist, die dahinter liegende Wut nicht zu unterdrücken. Ich bin wütend, oh ja. Und wie! Und endlich darf ich sie zeigen, ich DARF wütend sein.

Wut ist pure Energie. Sie ist genauso Energie wie Angst, Liebe, Hoffnung, Scham. Nur Menschen bewerteten diese Energien in die Kategorien gut und schlecht. Wer Angst hat, ist schlecht, Liebe ist gut. Wut ist schlecht, Hoffnung ist gut.
Besonders Wut ist eine Energie, die ich immer mehr zu schätzen weiß. Sie kann uns krank machen, aber auch gesunden lassen. Sie bringt uns näher zu uns selbst, zu unseren wahren Emotionen. Wenn wir anerkennen, dass wir mehr sind als nur Liebe und nur Optimismus. Sie erlaubt uns so zu sein wie wir sind.

Gleichzeitig bringt das Brodeln in uns auch neue Früchte an die Oberfläche. Es werden neue Wege möglich, wenn wir das Brodeln als Lebensenergie anerkennen und ihr erlauben, zu Sein.Bei mir führte es heute dazu, diese Emotion als eine mir zugehörige zu sehen. Ich habe auch Wut, ist das nicht toll? Und ich nutze sie, indem ich darüber nachdenke, worüber ich wütend bin und es nun verändere. Ich bin wütend, dass mir jemand auf der Nase herumtanzt? Dann ist die Beziehung noch nicht klar und muss gefestigt werden. Ich bin wütend, weil etwas nicht so klappt wie ich mir das vorstelle? Dann darf ich mich in Geduld und Nachsicht üben, aber auch am Dranbleiben und in mehr Klarheit. Ich kann konkrete Schritte unternehmen, konkrete Veränderungen einleiten.

Wut ist großartig. Lebt sie aus (d.h. nicht sie AN anderen auslassen), steht zu ihr, ja, lernt sie zu lieben – sie  macht uns menschlich und aus uns wahrlich vollkommene, authentische Wesen.

 

Eigentlich bin ich Superwoman. Ich wusste nur bisher nichts davon.

Copyright by Ira Gelb/flickr.com

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Ich wusste gar nicht wie stark ich wirklich bin. Ich hielt mich in den letzten Jahren für ziemlich schwach. Auf meiner Schwächeskala brillierten Punkte wie “Erfolg in der Arbeit” – war nicht, “Gesundheit” – war nicht. “schön sein bzw. sich schön fühlen” – war nicht. “Eine tolle Beziehung führen” – war nicht. “Kinder” – war nicht. “Ein volles Bankkonto” – war nicht. “Glücklich” – war nicht. “Emotional gefestigt” – war nicht. Die Aufzählung könnte noch ewig weitergehen. Ich konnte einfach nirgends einen Haken machen, der mir schwarz auf weiß gezeigt hätte: Du bist stark und hast alles im Griff.

Ich habe mich ganz schön geirrt. Stark sein misst sich nicht an diesen Punkten. Stark ist man nicht, allein indem man sein Leben “im Griff hat”. Im Gegenteil. Die Menschen, die sich durchs Leben kämpfen müssen, das sind die wirklich Starken. Denn sie geben nicht auf. Sie meistern ihr Leben trotz all der Widrigkeiten.

Heute abend sprach ich mit einigen lieben Menschen im Rahmen eines richtig tollen Teamabends, wo wir bei flackerndem Kaminfeuer, duftendem Essen und herzlicher, wärmender Atmosphäre “arbeiteten”. Eine Teamkollegin sprach mich auf meine Erkrankung an und wir redeten eine Weile darüber, dass ich nun schon fast drei Monate hochdosiert Cortison nehme und es leider nicht hilft, ich mich immer wieder vor Schmerzen nicht aus dem Haus bewege und einfach sehr schlecht aussehe. Wisst ihr, ich mag es gar nicht, über meine Erkrankung zu reden. Nicht weil sie mir peinlich oder unangenehm ist, ich möchte ihr nur nicht mehr Raum geben als nötig in meinem Leben. In den letzten Wochen bestimmte sie schon sehr meinen Alltag. Heute morgen saß ich vor Schmerzen jaulend stundenlang auf dem Klo. So ist das. Ohne Wenn und Aber. Lässt sich nicht schön reden, lässt sich auch nicht wegreden.

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Alternative zum Unglücklich-sein: Sei planlos!

Copyright by Camdiluv/flickr.com

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Wenn alles drunter und drüber geht hilft nur eins: Mit dem aufhören, was man gerade tut und mal kurz stillstehen. Dann nehmen wir in Gedanken alles belastende und wischen es vom Tisch und decken ihn völlig neu ein.
Ein Beispiel: Ich war die letzten zwei Wochen ziemlich angespannt. Die Tatsache, dass ein neuer Mitbewohner in Form eines zauberhaften, jungen Rüden bei mir eingezogen ist, hat mich ziemlich unter Druck gesetzt. Oder sagen wir, ich habe mir den Druck selbst gemacht. Dazu kam, dass es mir gesundheitlich überhaupt nicht gut ging, dann die neue Situation in der Selbständigkeit – kurz: Es kam alles zusammen und war zuviel. Wie also aus dieser Anspannung rauskommen? Nach einer fast schlaflosen Nacht beschloss ich, mir jetzt bezüglich des Hundes erstmal keinen Stress zu machen. Ich konzentrierte mich auf das was ging und nicht das, was nicht ging. Bezüglich der Selbständigkeit gab ich die Vorstellung auf, jetzt einen Plan haben zu müssen und setzte mich gedanklich mit der neuen Freiheit auseinander. Ich merkte, dass diese neue Freiheit sehr ungewohnt für mich ist und ich auch hier Zeit brauche, um mich daran zu gewöhnen. Denn mir der Freiheit ist das wie mit dem Glück: Manche Menschen können gar nicht damit umgehen, frei oder glücklich zu sein, weil sie es nicht kennen und immer nur in ihrem engen Korsett aus Erwartungen und Restriktionen gelebt haben. Zu erkennen, dass auch ich zu diesen Menschen gehöre war irgendwie tröstlich.

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Hallo hallo, willst Du nicht auch das Leben genießen?

Copyright by Andrea Adante/flickr.com

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Hallo hallo, spürst Du nicht auch die Sehnsucht nach Glück? Willst Du Dich nicht auch gesund, vital, leicht fühln – willst Du nicht morgens verliebt aufwachen und das Leben genießen?

Dieses Leben, unser Leben, Dein Leben – ist das skurrilste, verrückteste und gleichzeitig langweiligste was es gibt. Wir rühren immer wieder im selben Quark, hören uns die selben Sätze sagen und fühlen die gleichen Ängste und Schmerzen. Ich frage mich, ob es den Menschen da draußen genauso geht wie mir. Ob sie auch täglich auf diesem glitschigen Gemisch aus Liebe, Hass, Druck und Freude, scheiß und schönen Momenten  rumschlittern und sich dabei blaue Flecke holen.

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In der Zeitmaschine: Alte Gedanken, alter Erwartungsdruck

Copyright by Alice Popkorn/flickr.com

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Es gibt so Tage, die möchte man eigentlich aus seinem Kalender streichen. Tage, an denen man morgens schon wach wird und weiterschlafen möchte. Tage, an denen man sich fragt, was zum Teufel man heute eigentlich machen “muss”, “möchte”, “sollte”. Und sich wünscht, er wäre schon vorbei. Und dann? Dann kommt ein neuer Tag, der vielleicht genauso beginnt. Das ist doch scheiße.
Ich frage mich, was ich daran ändern kann oder ob ich es einfach mal so stehen lassen sollte. Nicht immer was ändern wollen. Nicht immer was positiver reden müssen. Niemand sagt mir, dass ich das tun muss – nur ich selbst. Aber ich mag so nicht aufstehen. Ich mag mich so nicht fühlen, so halb lebend.

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Warum Dein Ego nicht will, dass Du LEBST und wie Du es ein für allemal enttarnst

Copyright by Dietmar -2BTemps/flickr.com

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Ich habe die Strategie meines Egos enttarnt. Die Strategie, die ich seit Jahren nicht zu fassen bekam und schon gar nicht verstanden habe. Wenn ihr euch jetzt fragt: Was meint sie eigentlich mit Ego, dann antworte ich, dass ich von der freudschen Theorie keinerlei Ahnung habe. Ich weiß nicht, was der gute Mann mit Ego meint. Ich verstehe unter Ego meine Gedanken und diese innere Stimme, die einem gerne mal was zuflüstert wie das Teufelchen auf der Schulter. Nur meint es mein Ego nicht gut mit mir. Es mag mich nicht besonders, aber das beruht auf Gegenseitigkeit. Mein Ego liebt es, mich von meinen Entscheidungen und Veränderungen abbringen zu wollen. Mein Ego hasst nämlich Veränderungen. Und es kann damit gar nichts anfangen, wenn ich in meine Kraft komme. Dass es mir gut geht. Freude ist ihm auch suspekt. Mein Ego ist mehr so das Bächlein unter den Flüßen. Der stetige Flow zwischen den Extremen. Das klingt nicht sooo schlecht? Tja, so dachte ich auch – jahrelang. Aber das Ego macht das nicht einfach so. Sein Ziel ist es, die Fäden in Deinem Leben in der Hand zu halten. Dich an der kurzen Kette laufen zu lassen. Er möchte kontrollieren, alles was passiert – denn das ist (laut ihm) sicher und der beste Weg. Keine Überraschungen, keinen Kontrollverlust, keine Angst.

Aber auch kein Leben. Kein Herzklopfen. Keine Euphorie. Kein über-sich-hinaus-wachsen. Und das Schlimmste: Keine Veränderung. Alles bleibt immer gleich.

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Morbus Crohn und: Mein größter Feind bin ich selbst

Copyright by Karen Salmansohn Photo by Photoatelier/flickr.com

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Mein größter Feind bin ich selbst. Ich bin die, die mich am meisten kritisiert, die mich selbst nicht erträgt. Ich bin die, die sich verurteilt, sich für mich schämt. Es sind meine Gedanken, die ich mir selbst konstruiere, die mich traktieren. Und die mir das Gefühl “geben”, ich sei ein hässlicher, schlechter Mensch.

Wer Übergewicht hat(te) und es gerade geschafft hat, sich wieder in seinem Körper wohl zu fühlen und dieses Gefühl nun wieder verloren hat, der kann sich vielleicht vorstellen, wie ich mich gerade fühle. Mein neues Lebensgefühl, das ich mir so vehement zurückerobert hatte, ist weg.

Ich nehme aufgrund eines akuten Schubes hochdosiert Cortison und habe 6 Kilo in einer Woche zugenommen. Ich sehe aus wie ein Hefezopf, der gerade im Ofen wunderschön aufgegangen ist. Ich mag mich nicht mehr ansehen, ich mag mich nicht mehr leiden. Ich schäme mich. Ich bin traurig. Wenn Leute an mir vorbeigehen, frage ich mich, was sie sich wohl denken mögen. “Was hat die denn gemacht”. “Gott wie sieht die denn aus”. “Boah ist die hässlich”. Nur einige Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. Ich laufe mit gesenktem Blick durch die Straßen. Dabei habe ich doch gerade erst wieder gelernt, den Kopf stolz nach oben zu tragen, auf Menschen zuzugehen und mich ihnen zu öffnen.
Jetzt dieser Rückschlag. Ich stehe der Gewichtszunahme hilflos gegenüber. Alle Maßnahmen, die ich ergriffen habe, haben bisher nichts gebracht. Allein von gestern auf heute waren es fast 2 Kilo. Den Tränen ist Resignation gewichen.

Ich habe mich entschieden, heute diesen Beitrag zu schreiben – für mich und, um mit dieser Situation offen umzugehen und es beim Namen zu nennen. Ich will mich nicht vor der Welt, vor euch da draußen, verstecken.

Morbus Crohn ist eine tückische Erkrankung. Sie betrifft den Darm, im akuten Schub ist die Darmschleimhaut entzündet – die Patienten leiden unter massiven Durchfällen (30-40x am Tag), starken Schmerzen, Erschöpfung. Der Darm ist das Organ mit den meisten Nervenzellen. Seine Bakterien beeinflussen unseren gesamten Organismus – und ist seine Schleimhaut entzündet, funktioniert die ganze Nährstoffaufnahme nicht. Das wiederum hat Einfluss auf das gesamte Immunsystem, auf unsere Psyche, auf unseren Stoffwechsel. “Crohnis” (Patienten die Morbus Crohn haben) sind ein spezielles Völkchen. Sie sind häufig sehr sensibel, aber auch Kämpfernaturen. Extremsituationen sind ihnen nicht fremd. Die Erkrankung fördert ihre Angst vor Kontrollverlust zutage. Sie fordert einen jeden Tag aufs Neue heraus, was die Crohnis einerseits zu starken Persönlichkeiten, andererseits zu ängstlichen, emotionalen Wesen macht. Es ist eine Erkrankung, die einen sehr auf seine Persönlichkeitsstrukturen, auf seine Muster und Ängste aufmerksam macht. Sie tut das sehr zuverlässig. Haben wir Stress oder Angst, sind wir wütend oder hilflos – der Darm reagiert sofort. Wie eine Antenne zeigt er einem manchmal schon Empfindungen, bevor wir sie bewusst gefühlt haben. Es ist eine Erkrankung der Extreme. Die meisten sind spindeldürr, sehen aus wie magersüchtig – aber das sind sie nicht, der Körper kann aufgrund des hochgradigen Nährstoffmangels aufgrund der ständigen Entzündung nur nichts verwerten und “ansetzen”. Andere – so wie ich, haben massive Gewichtszunahme unter Cortison – da spielt der ganze Stoffwechsel verrückt, die Hormone drehen durch und bringt alles durcheinander. Gewichtszu- und Abnahmen von 20-30 Kilo in einer Schubphase sind normal. Nun denkt man, gut, sie bekommen dann ihre Medikamente und ihnen geht es wieder gut. Aber so einfach ist das nicht. Die Medikamente mildern nur die Symptome ab. Durch die extreme Veränderung der Darmschleimhaut und damit einhergehend der Veränderung der Darmflora ist das ganze System verschoben. Bis das wieder im Lot ist, braucht es Zeit und richtig gute Produkte, um hier das Gleichgewicht wieder herzustellen. Leider vergessen die Ärzte meist, dass es mit Cortison oder Immunsuppressiva nicht getan ist. So leidet man als Patient häufig still. Schlafstörungen, depressive Verstimmungen, Gelenkschmerzen, Verdauungsstörungen sind nur einige andere Nebenwirkungen eines Schubes.

Ich leide seit 2,5 Jahren unter Morbus Crohn. Und ich beginne jetzt erst langsam, die Erkrankung und ihre Auswirkungen auf Körper und Geist besser zu verstehen. Am Anfang war da nur Angst. Scham. Hilflosigkeit und manchmal Wut darauf, dass der Körper nicht so funktioniert wie er “soll”. Heute bin ich immer noch hilflos und ja, ich schäme mich auch. Aber ich weiß heute mehr – ich weiß, wie ich meinen Darm bestmöglich unterstützen kann. Ich weiß, wie wichtig Unterstützung aus dem sozialen Umfeld ist, aber auch, sie sich selbst zu geben – um diese Zeiten durchzustehen. Und ich weiß heute, dass der Crohn mich nicht “kaputt” machen will. Er will, dass ich heile. Körperlich und geistig. Dass ich lerne, mich anzunehmen – auch wenn ich alles andere als perfekt bin. Und dass ich geliebt werden kann, auch wenn ich aufgeschwollen und fett bin. Die besten Ehen sehe ich wirklich bei meinen Crohn-Freundinnen – diese Männer stehen bedingungslos hinter ihren Frauen und das rührt mich immer wieder sehr.

Deshalb: So sehr wie mich diese Situation belastet, führt sie doch jetzt auch dazu, dass ich mein Verhältnis zu mir selbst nochmal in Augenschein nehme. Kann ich vielleicht nicht nur mein größter Feind, sondern vielleicht auch mein größter Freund sein? Wenn ich in der Lage bin, mich SO zu verabscheuen, kann ich mich dann auch SO lieben? Ist es möglich, aus diesem Rückschlag neuen Anlauf zu nehmen und zu sagen: Egal, dann beginne ich nochmal von vorne? Ehrlich gesagt weiß ich nicht ob ich die Kraft wirklich habe. Ich weiß auch nicht, wie ich auf Liebe umschwenken kann. Vielleicht ist Resignation der Schlüssel. Resignation heißt auch, die Situation anzunehmen wie sie ist. Es ist so. Jetzt. Das heißt nicht, dass sie für immer so bleiben wird. Denn das liegt dann wiederum in meiner Hand.
Ich kann es nicht ändern, ich kann eine chronische Erkrankung nicht wegzaubern. Ich kann meine dicken Backen, das Doppelkinn, all das Aufgeschwemmte nicht ablassen wie Luft aus einem Schwimmring. Und ich kann auch nicht länger dagegen ankämpfen.

Wenn es mir gelingt, mich in diesem Zustand zu mögen, mich nicht länger zu verurteilen, sondern mich jeden Tag, jede Minute neu zu ermutigen, mir selbst Kraft zuzusprechen und einfach weiterzumachen mit meinem Leben, dann kann ich diese Zeit überstehen. Und nicht gebrochen, sondern mit geradem Kreuz und einem noch schöneren Lebensgefühl als vorher. Jetzt weiß ich, was ich wirklich verliere und das hat mit ein paar Kilo Gewicht nichts zu tun. Ich verliere die Lust am Leben, die Lust auf Menschen, die Lust auf mich selbst. Und dafür lohnt es sich, immer wieder einen neuen Anlauf zu nehmen – sei der Rückschlag auch noch so groß.