Quatsch doch keinen Scheiß: Das Doofe mit dem Vergleichen

Copyright by Dietmar Temps/flickr.com

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Dieser Tage geht mir sehr viel durch den Kopf. Es ist jedes Jahr das gleiche innere Drama. Die Erwartungen, die ich am Anfang des Jahres hatte ringen nun mit den Bewertungen und bei all dem Ringen sind irgendwie mehrere Teile meiner selbst beteiligt. Klar, der innere Kritiker mischt ganz vorne mit. Das ist die perfekte Bühne für ihn. Aber so langsam durchschaue ich ihn. Argwöhnisch und mit zusammengekniffenen Augen beobachte ich sein Tun. “Quatsch doch keinen Scheiß!”, fahre ich ihn dann an, wenn er wieder stundenlang Mist erzählt. Für einen kurzen Moment verstummt er, nur um im nächsten neuen Anlauf zu nehmen. Er provoziert mich. Ja, er macht mich richtig wütend Ich bin dann furchtbar gereizt und spätestens, wenn ich meinen Hund scharf anfahre, fällt mir mein Gereiztsein auf. Dieser Mistkerl.
In der letzten Zeit liebt er es, in meinem Kopf Vergleiche zu produzieren. Er vergleicht mich mit allen Wesen, die meines Weges kommen. Schau was die für ein schönes Leben haben – und Du nicht. Schau, die hat einen Partner- Du bist allein! Schau, wie hübsch und schlank sie ist – und Du, ach..dieses Elend… Schau wie gut sie drauf ist – und Du so mies. Schau was er für ein Geld verdient und was sie …. hat. ARGH!
Vergleiche mit meiner Person sind eine Sache. Aber jetzt fängt er tatsächlich an, auch meinen Hund mit anderen zu vergleichen! Seit ich meinen Gefährten an meiner Seite habe begegnen uns viele Menschen mit Hund, wir unterhalten uns, wir reden über die Hunde usw. Eine Tatsache, die ich sehr angenehm finde und als Teil meines Alltags zu schätzen weiß. Immer wieder begegnen wir Hunden, die mein Herz zum Fliegen bringen. Der Golden Retriever, der genau so ist, wie ich einen immer haben wollte mit flauschig-weichem Fell und der riesen Schnauze. “So einen wollte ich immer”, denke ich. Und fühle Unzufriedenheit in mir aufsteigen. Da der reinrassige braune Labrador-Welpe, der zuckersüß umhertapst. “So einer wäre schön”, denke ich. Und bin unzufrieden. Und dann schaue ich meinen rauhfelligen überaktiven Hund mit seiner langen staksigen Figur an…. und ertappe mich dabei, innerlich alle Aspekte seiner Unperfektheit aufzuzählen. Ist das nicht völlig bekloppt??? Ich denke: Dein Hund ist genauso unperfekt wie Du, ihr passt gut zusammen. Unzufriedenheit. Bäm.
Neulich beim Spaziergang hat es mir dann gereicht. Ich stieß einen lauten Schrei aus und verbot meinem inneren Schwätzer den Mund. Dann konzentrierte ich mich bewusst auf all die Dinge, die ich an meinem Hund liebe und an ihm toll finde.

Captain hat ein wundervolles Wesen. Er ist liebevoll zu allen Menschen und Hunden. Seine naiv unschuldige Art ist bezaubernd. Er ist ein richtiges Energiebündel, hat Power und lebt seine Freiheit – wenn er die Möglichkeit dazu hat – intensiv aus. Er ist sehr leicht glücklich zu machen. Er freut sich wie ein kleines Kind über Leckerli, über seinen Ball, über Aufmerksamkeit. Er ist neugierig, erkundet die Welt mit großen Kinderaugen. Meistens hört er super, manchmal ist er frech, aber das finde ich gut. Er ist klug, nur steht er manchmal auf dem Schlauch, von dem man ihn dann runterholen muss. Er achtet mein Eigentum, indem er nichts zerstört oder sonst irgendwas angeht. Er hat eine wahnsinnige Geduld. Er ist nicht nachtragend. Er hat eine wunderschöne Fellfarbe, ein zauberhaftes Gesicht, große zuckersüße Pfoten und einen Popo zum Anbeißen. Er ist richtig schlank und hat stramme, durchtrainierte Schenkel. Seine Ohren sind weich wie eine Schneeflocke und seine Barthaare das einzigartigste Merkmal überhaupt an ihm. Er ist ein einzigartiges Geschöpf, dass es so nicht noch einmal gibt auf dieser Welt. Reinrassige Labradore sind reinrassige Labradore – Cappy passt in keine Schublade. Wäre er ein Mensch, wäre er ein ruhiger, angenehmer Zeitgenosse, freundlich zu allen Lebewesen, empathisch, aber dynamisch, er würde Sport machen und gutes Essen lieben. Klar und kuschelbedürftig erst.
Ich finde, ich habe ganz schön viel Glück mit ihm.

Nun, das war doch gar nicht so schwer, dem Vergleichen den Mund zu stopfen. Mit mir geht das nicht so leicht. Mir fallen wenig Dinge ein, die ich bezaubernd, zuckersüß oder wunderschön finde. Ich liebe meine Augen, die funkeln und alle Emotionen ohne Worte widerspiegeln können. Mein Lächeln erfreut andere Menschen, ich selbst sehe es ja nicht so oft. Wenn ich glücklich bin, strahle ich übers ganze Gesicht, das zieht dann wie ein Strom durch alle Fasern und Zellen. Ich kenne alle Emotionen und lebe sie aus. Ich bin nicht langweilig. Ich bin belesen, kreativ, probiere gerne neues aus. Meine Haare fliegen wild umher und sind Abbild des wilden Teils in mir. Meine Haut ist weich und rein. ich habe schöne Füße und Zehen, mein Mund lädt in seiner Fülle zum Küssen ein. Ich habe gute Zähne und lange, schöne Wimpern. Ich habe einen tollen Po, knackig und wohlgeformt. Ich würde behaupten dass ich einen guten Charakter habe. In meiner kreativ-zerstreuten Art bin ich süß hilflos. Ich mag aber auch den Teil, der Geschäftsfrau, rational und durchdacht ist. Ich bin neugierig und wissensdurstig. Es gefällt mir gut, dass ich mich für die Welt und was darin passiert, interessiere und dass ich aber auch in meiner kleinen Welt mich weiterentwickeln möchte. Ich bin mutig, wenn ich etwas will. Ich habe Courage wie meine Oma immer sagt, wenn ich um Dinge oder Menschen kämpfe, weil ich sie liebe. Mich machen meine Fähigkeiten und Talente aus, denn sie spiegeln mein Inneres wider – sei es das Schreiben, malen, visionieren, alles kreativ-sein, auch handwerkliches, darin bin ich supergut. Ich habe Ehrgeiz und Durchhaltevermögen, denn ich probiere so lange bis es geht. Ich bringe mich zwar oft selbst in die Scheiße rein, aber auch selbst wieder raus. Doch habe ich gelernt, auch um Hilfe zu bitten und von meiner Ich-Fokussierung einen Schritt zurückzutreten. Ich kann gut genießen. Ich kann gut lieben, wenn es passt. Und manchmal auch über mich hinauswachsen.

Ihr lieben Lieben, sich mit anderen Menschen zu vergleichen ist ziemlich doof. Aber wenn es dazu dient, dass wir uns wieder den Dingen öffnen, die gut an uns sind, dann war es für etwas gut. Es ist verrückt, wieviel wir von uns auf andere Menschen oder unsere Haustiere projezieren. Ein “ich bin nicht gut genug” wird dann schnell zu einem “er/sie ist nicht gut genug”. Ist das nicht furchtbar? Das ist aber die Realität. Auch wenn man es nicht bewusst tut, vieles passiert im Stillen, so dass wir es nicht bemerken. Achtet einmal darauf, wo ihr Vergleiche setzt. Und dann könnt ihr dieser Straße weiter folgen oder abbiegen und auch mal positiv vergleichen. Was ist toll an Dir, was kannst Du besonders gut, was vielleicht jemand anderes nicht so kann wie du. Wir müssen uns immer bewusst machen, dass es niemanden sonst auf der Welt gibt, der genauso ist wie wir. Niemand der so aussieht, niemand der so denkt, fühlt, liebt… Es fällt schwer, in seinem Alltagsgrau, in dem jeder Tag gleich grau scheint, sich dieser Besonderheit bewusst zu sein. Aber wir schaffen das. Schrittchen für Schrittchen.

Ich ziehe mit meinem Blog um, er bekommt ein neues Kleid – ich teile euch die neue Adresse dann zeitnah mit :-)

Euch allen ein schönes Weihnachtsfest <3

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