Seltsame Erlebnisse an einem normalen Dienstagmorgen – Oder wie ein Aldi-Verkäufer mich das Leben lehrte

Copyright by Dietmar Temps/flickr.com

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Auf Menschen zu treffen, die sich anders verhalten als man es gewohnt ist, kann ganz schön verwirren.
Da gehe ich unschuldig an einem Dienstag morgen nach Ostern einkaufen, in (ich nehme mir die Freiheit, mein Einkaufsverhalten an dieser Stelle preiszugeben) den Aldi bei mir im Stadtteil. Ich bin scharf auf das Fliegenschutzgitter für die Balkontür. Erst einmal war nichts ungewöhnlich. Ich war wie gewöhnlich leicht gereizt, weil mir kurz zuvor jemand fast hinten aufs Auto gefahren wäre. Den Ärger runterschluckend laufe ich durch die Gänge, nehme meine Mitmenschen kaum wahr, packe lustlos Waren in meinen Pappkarton, den ich, wieder mal keinen Euro für den Einkaufswagen bei mir tragend, mir unter den Arm geklemmt hatte.
Und dann geschah etwas, was mich aufschauen ließ. Ich wurde plötzlich hellwach.

Ich stehe an der Kasse und eine völlig entspannte, freundliche Stimme dringt an mein Ohr. Das allein war schon verwirrend. Dann sehe ich auf (es war ein Herr) sein Namensschild. “Engel” steht da. Ich denke, das passt und merke, wie ich mich entspanne. Als ich an der Reihe bin, frage ich ihn, ob er schon immer so entspannt gewesen sei. “Ja das sei er immer, er müsse ja seinem Namen alle Ehre machen”. Humor hat er also auch noch. Ich sehe ihn an, wie er voller Freude auf seinem Stuhl an der Kasse sitzt und ich bekomme das Gefühl, dass das für ihn die schönste Beschäftigung ist, die er sich vorstellen kann. Wie ist das möglich? Er kassiert an einer Kasse bei Aldi und ist glücklich? Ich bin verwirrt. Waren für mich die Kassierer bei Aldi stets ein rotes Tuch gewesen. Noch heute klingt die Stimme meiner Mutter im Ohr, die in jede meiner Lebensphasen drohend und auch verächtlich sagte: “Irgendwann landest Du bei Aldi an der Kasse.”

Und nun ist da dieser Mann. Ich frage ihn, wie er das macht – so entspannt und glücklich zu sein bei dem was er tut. “Es ist immer so wie man´s sich draus macht”. Er lächelt mir zu. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wäre es ein Theaterstück, stünde im Drehbuch jetzt geschrieben: “Ihre Augen wurden immer größer vor Staunen. Eine betretene Pause.” Kann es tatsächlich sein, dass mir ein Aldi-Verkäufer etwas über das Leben beibringt? Ich schüttele innerlich den Kopf, unglaublich. “Ich werde mir ein Beispiel an Ihnen nehmen”, sage ich als ich meinen Pappkarton unter den Arm klemme. “Warten Sie”. Er greift an die Seite der Kasse. “Ich hatte es an die Seite gestellt, damit es nicht kaputt geht” und hält mir mein Fliegenschutzgitter entgegen. Ich schüttele wieder innerlich den Kopf über soviel Weitsicht und Freundlichkeit, als ich den Supermarkt verlasse. Dieser Mann hat spirituell gesehen alles erreicht. Er hat es geschafft, sich und sein Leben vollkommen anzunehmen und gibt seine Freude und seinen Frieden mit sich und der Welt tagtäglich an andere weiter. Das Bild eines Mönchs taucht vor meinem inneren Auge auf. Ein Mönch verkleidet als Aldi-Verkäufer? Ich muss lachen, wissend dass dieser Gedanke scheinbar nicht so abwegig erscheint. 

Das war aber nicht meine einzige andersartige Begegnung an diesem Morgen. Auf dem Weg nach Hause blicke ich aus dem Autofenster nach links, ich stehe an einer Ampel. Ich habe ihn eine ganze Weile nicht bemerkt. Da liegt ein Mann auf der Wiese, an einem Busch und schaut in den Himmel. Ich denke, was ist denn heute nur in der Luft? Ich schaue noch einmal hin, nur um sicherzugehen, dass ich mich nicht irre. Nein, dort liegt tatsächlich ein Mann, mitten im Wohngebiet, mitten am Tag, direkt an der Straße auf einer Wiese – und tut so, als ob dies das normalste der Welt sei. Kurz denke ich darüber nach, auszusteigen und ihn zu fragen, mit welcher Intention er dies tut. Doch dann lege ich den Gang ein und gebe Gas. Ich möchte ihn nicht stören in seiner scheinbar friedlichen Träumerei. Vielleicht ist es auch ein Spinner, der nur besoffen ist und nicht mehr nach Hause findet. Kurz bevor er aus meinem Sichtfeld verschwindet, nehme ich wahr, dass es ein junger Asiate ist, was mir jedoch auch nicht weiter hilft bei meiner Interpretation der Lage.

Ist es nicht seltsam, dass wir erst hochschauen, wenn uns etwas seltsames begegnet? Und ist es nicht noch seltsamer, dass wir (oder ich) etwas seltsam finden, was eigentlich total natürlich sein sollte? Ich schäme mich. Da ist ein Mann – der nach meiner Bewertung einen beschissenen Job hat – der total glücklich ist mit dem was er tut und seine ganze Energie gibt, damit Menschen wie ich einen schönen Einkauf haben. Menschen wie ich, die überall sind, nur nicht im Augenblick. 
Und das seine Einfachheit, die so erfrischend und belebend zugleich ist, es in einem kurzen Moment schafft, mich völlig zu entspannen und einen anderen Blick auf das Leben zu bekommen. Möglicherweise bin ich schon so verfangen im Netz aus Selbstfindung, Hinterfragen und des Mich-verändern-müssens, dass ich die einfachen Dinge und Zusammenhänge nicht mehr sehe. Es ist doch letztlich so einfach. Wir nehmen das was wir tun (oder nicht tun) an und machen das Beste draus. Wir hadern nicht länger mit Dingen, die wir haben und die, die wir nicht haben. Wir jagen nicht länger Gegenständen, Gefühlen oder dem Glück hinterher. Sondern suchen es in unserer eigenen kleinen Welt, wo das Glück auch zu finden ist. Es liegt uns zu Füßen und  wir sehen es nur nicht, während wir mit den Augen den Horizont nach ihm absuchen.

Danke Herr Engel für diese Lehrstunde in Sachen Leben.

Ich atme ein, ich hebe den Blick weg von der Tastatur. Er bleibt in den Bäumen, im Grün hängen. Ich rieche die Blumen und das Gras und die frische Luft, die nach April riecht.

 

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2 Comments

  • Reply wortakupressur April 22, 2014 at 1:48 pm

    Großartig!
    Mich würde interessieren, ob Herr Engel an einem Samstag nachmittag auch noch so entspannt ist wie an einem gefühlten Montag vormittag :-)
    Wenn ja, muss es wirklich Buddha in Disguise sein.

    Liebe Grüsse Christina

  • Reply Tanja April 22, 2014 at 2:13 pm

    Ich befürchte, er ist Samstag nachmittag genauso entspannt! ;-) Ich werde dies beizeiten überprüfen!

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