Tja, Feiertage sind nunmal nicht jedermanns Sache

Copyright by thorsten198/flickr.com

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Es ist als würde ich einen zu engen Mantel anziehen. Er ist zudem wuchtig schwer, von unscheinbarer Farbe, er zeigt sich hübsch nach außen – doch innen kratzt er unangenehm. Manchmal zieht er sich mir an, obwohl es draußen warm ist. Obwohl die Sonne scheint und ich ihn nicht bräuchte. Irgendwas in mir braucht ihn. Irgendwas erträgt seine Schwere, erduldet das unangenehme Gefühl und die Enge. Er ist vertraut, begleitete mich lange auf meinem Weg, erlebte Stürme, wurde rauher und rauher und enger und enger. Es ist mir nicht möglich, ihn abzustreifen und ganz hinten im Schrank zu verstauen. Oder gar hinzurichten.

Wenn das Tränental überschwappt, weil der Damm der Contenance gebrochen ist, kann ich nicht atmen. Ich kann nicht reden. Ich ertrinke in mir. Ich lasse es zu. Kein Ringen mehr um ein verzerrtes Lächeln. Kein Kämpfen. Kein Verlieren. Es ist wie es ist. Ich nehme Abschied von der Illusion eines Lebens, das immer schön ist. Kein Tag ist immer schön. Wenn ich Feiertage alleine verbringe, ohne meine Familie, fühle ich mich, als sei ich einmal mittendurch gerissen. Nur halb, unvollständig, beide Hälften vereinsamt in sich, die herumirren und blind nach Halt suchen. An solchen Tagen ist Ankommen nicht möglich. Es wäre eine Illusion, es sich schön zu reden. Ich habs versucht, mich rauszuwühlen. Doch irgendwann habe ich mich meinen Gefühlen ergeben. An solchen Tagen zweifle ich alles an, was ich mir aufgebaut habe. Mein Tun, mein Schaffen, mein Denken und mein Fühlen – alles wird einer harten Prüfung unterzogen und meist fällt alles gnadenlos durch. Tja, Feiertage sind nunmal nicht jedermanns Sache.

Aber ich weiß, es geht vorbei. Irgendwann, irgendwie geht es vorbei. Und dann bin ich in der Lage, den Mantel abzulegen, ihn zu den anderen Mänteln in den Schrank zu hängen – und einfach ohne Mantel zu gehen. Dann bin ich in der Lage, nach draußen zu treten, die Sonne auf meinen Wangen wärmend zu spüren, den Duft der Blumen zu riechen und das Singen der Vögel zu hören. Dann ist es mir möglich, anzukommen bei mir. In diesen Momenten prüfe ich nicht. Ich lasse es einfach sein wie es ist und genieße es. Ich atme tief, ich lächle innerlich zufrieden. Ich liebe jede einzelne Blüte und jeder Schluck Kaffee ist ein Genuss.

Vielleicht kriege ich es irgendwann hin, den Mantel für immer im Schrank hängen zu lassen. Vielleicht kriege ich es irgendwann hin, mich an solchen “Familientagen” nicht mehr einsam zu fühlen. Irgendwann, wenn ich meine eigene Familie habe, kann ich mich auf diese Tage freuen. Und bis dahin ertrage ich die Zeit, ziehe den Kopf ein, verstecke mich unter meinem Mantel – und tauche danach wieder auf, ins Licht.

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