Über Gewalt an Kindern redet man nicht

Copyright by Brandon Warren/flickr.com

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Gestern kam auf Sat1 ein bewegender Film über häusliche Gewalt. Die Protagonistin wurde von ihrem Mann isoliert, gedemütigt, geschlagen und sollte am Ende um ihr Leben bangen. Ich habe mir diesen Film angesehen, um mich mit der Gewalt zu konfrontieren, die ich nur zu gut kenne, die ich aber so weit verdränge, dass es scheint, als sei sie nie dagewesen. Dieser Film brachte Erinnerungen zurück. Und er erzeugte sowohl Mitgefühl und Verständnis als auch Ärger und Unverständnis. Denn eines verstehe ich nicht: Über Gewalt an Frauen wird gesprochen – über Gewalt an Kindern nicht. Warum vergessen wir die schwächsten unter uns? Warum schützen wir nicht die unschuldigen Seelen, die unter der Gewalt, die ihnen angetan wurde, ihr ganzes Leben lang leiden werden?

Ist es, weil Kinder nicht darüber reden können?

Ist es, weil Kinder keine Stimme mehr haben und wir ihr keine neue geben?

Oder ist es so furchtbar, dass wir Angst davor haben, uns dieser Vergewaltigung von Kinderseelen zu stellen?

Gewalt in Beziehungen, Gewalt an Frauen ist schrecklich und es ist gut, dass ihr ein Rahmen gegeben wird, damit wir erkennen, welche furchtbaren Dinge hinter geschlossenen Türen geschehen.

Aber was ist, wenn beide Elternteile Gewalt an ihrem Kind üben? Welche Chance hat dann ein Kind, zu gehen? Welche Chance hat es, sich zu wehren? Welche Chance hat es, ein starker, selbstbewusster Mensch zu werden?

Keine.

Ein Kind kann nichts, aber auch gar nichts tun.

 

“Ich lernte, dass Hilflosigkeit ein stetiger Begleiter meines jungen Lebens wurde. Dass es normal ist, dass die Haut brennt, von all den Schlägen. Ich lernte, dass es nichts bringt, wenn ich weine und dass ich mit jedem mal danach noch einsamer bin als zuvor. Ich lernte, dass Vertrauen etwas schlechtes ist, ich lernte, das Vertrauen Beschimpfung und Abwertung bedeutet. Ich weiß nicht, wie sich eine Umarmung von meiner Mutter anfühlt. Ich weiß nicht, wie es ist, Rückhalt zu haben. Ich lernte, dass Schläge gar nicht so sehr weh tun, dass Worte schärfer sind als jede Härte der Faust.
Ich lernte mein Leben auf wackligen Stelzen, mit einem Fundament voller Stolpersteine und Risse. Ich lernte, nicht ich zu sein. Denn ich bin nicht würdig, zu leben und glücklich zu sein. Niemand hörte meine Schreie, mein Weinen. Nachbarn waren begeistert von den Eltern, die ich nicht Mama und Papa nennen konnte. Irgendwann nannte ich sie beim Vornamen. Und irgendwann redete ich gar nicht mehr. Mit 12 Jahren wollte ich tot sein und wiedergeboren werden – als Kind mit liebenden Eltern.”

Mache die Augen auf. Wir müssen unsere Kinder beschützen. Ein Kind ist ganz allein. Es hat keine Hilfe. Es kann keine Hilfe holen. Es kann nicht darüber reden, denn für das Kind sind Schläge normal.

Stell Dir vor, Du bist 10 Jahre alt und Gewalt gehört zum Alltag wie essen, trinken, schlafen. Stell Dir vor, Du bist 15 Jahre alt und jeden Samstag holst Du Dir Deine Portion Schläge ab. Stell Dir vor, Dein starker schwerer Vater sitzt auf Dir, Dein Vater, den Du liebst, und er schlägt Deinen Kopf auf den Marmorboden und Du denkst, Du musst sterben.

Stell Dir vor, Du bist 45. Und fügst Dir selbst Gewalt zu, indem Du zu viel isst, trinkst, arbeitest, Dir nichts erlaubst, nicht gut für Dich sorgst, Dich selbst demütigst. Dich selbst verachtest.

Sieh hin. Wir können nicht länger wegsehen.

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