Und wieder ein Arschengel!

Copyright by alessandra celauro/flickr.com

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In einem Moment habe ich das Gefühl, als sei ich keinen Schritt weitergekommen. Dann verhalte ich mich wie ein kleines Kind, ich verletze die, die ich liebe und – am Schlimmsten, ich verletze mich selbst. Ich rede mich in Gedanken selbst so schlecht, bis ich es irgendwann glaube und völlig davon überzeugt bin, ein nichtsnutziger, gemeiner, ja schlechter Mensch zu sein. Ich lasse kein gutes Haar an mir, ich rede mich klein wie es niemand vermag, mich klein zu reden.
Die aufkommende Angst, die immense Wut und Ohnmacht lässt mein Inneres vibrieren. Ich spüre, wie mein Herz rast, wie es in meinen Adern brodelt. Schon bald werde ich mich vor Bauchschmerzen krümmen.

Es ist erschreckend, dass ich diese Reaktion in mir immer noch nicht “under control” habe. Ich verachte mich dafür. Vielleicht hat meine Freundin recht und ich muss mich noch viel ändern. Aber vielleicht hat sie auch unrecht. Warum glaube ich immer anderen, die mir einzureden versuchen, wo ich noch nicht ok bin und was ich bitte schön ändern solle, damit ich ihnen in den Kram passe. Warum treffen mich Aussagen, die so gar nicht auf mich zutreffen, so sehr, dass sie mich völlig aus der Bahn werfen. Ich ärgere mich über mich. Mist, schon wieder falsch gedacht.

Ich möchte die Aussagen meiner Freundin kurz zusammenfassen:
1. Ich bin unbeständig, beim ersten Piep sei ich weg.
2. Ich möchte nur Patentante werden, um mein Ego zu befriedigen
3. Ich stelle mich wie so oft in den Mittelpunkt, will Anerkennung und Aufmerksamkeit
4. Sie und ihre Tochter seien mir doch eigentlich egal, es geht mir nur um mich
5. Ich würde sie und ihre Tochter nicht lieben, ich sei zu selbstloser Liebe nicht fähig
6. Ich solle aufhören, beleidigt zu sein, sondern an mir arbeiten.
7. Erst wenn ich mich geändert habe, bin ich gut genug für ihre Tochter
 
Ich fürchte, dass ich mich vor solchen Menschen nicht werde schützen können, die mir zeigen oder sagen, wie scheiße sie mich finden. Ich habe es versucht, aber so ganz klappt das nicht. Würde Robert Betz solche Menschen auch als Arsch-Engel bezeichnen? Sicherlich – sie zeigen mir auf, dass ich immer noch das kleine verletzliche Wesen von früher bin und dass meine Festung noch nicht hoch genug ist, um ihre Angriffe abzuwehren. Sind sie also eigentlich etwas Gutes in meinem Leben? Oder sind solche Menschen einfach Arschlöcher, die kein Mensch – und ich am Allerwenigsten – braucht? Schauen wir uns nochmal an, was genau Robert Betz über Arsch-Engel sagt:

Arsch-Engel “sind Menschen, die unsere Knöpfe drücken, die wissen, wo die wunden Stellen sind. Ich sage sogar: Arsch-Engel sind die wichtigsten Menschen in unserem Leben – wichtiger als die, die immer nett zu uns sind. Denn sie helfen uns, zu wachsen und zu klären. Wenn uns jemand belügt, betrügt oder verletzt, dann zeigt das, dass in uns eine Wunde ist, die geheilt werden will. Solange wir mit Wut herumlaufen, werden wir auch auf Menschen treffen, die diese Wut hoch holen. Die Wut wird so lange angetickert, bis wir sie anerkennen, fühlen und Verantwortung übernehmen. Arsch-Engel sind also sehr segensreich.”
Arschengel spiegeln, mit welchen Aspekten in seinem Inneren, seinen Einstellungen und Ansichten man noch nicht Frieden geschlossen hat:
“Aber Menschen, die solche heftigen Gefühle wie Ohnmacht, Wut und Neid hervorrufen, spiegeln dem Anderen meist seine abgelehnte Anteile und abgelehnte Gefühle der eigenen Geschichte. Die Chance, die darin steckt: Wenn man erkennt, was diese Menschen spiegeln und man Frieden mit diesen Aspekten macht, können so aus Feinden Lebenslehrer werden.”

So richtig kann ich noch nicht erkennen, was von dem, was meine Freundin mir an den Kopf knallte, mich spiegelt und was ich noch nicht angenommen habe… Ich bin ratlos.

Robert Betz gibt eine kleine Hilfestellung, um herauszufinden, wo die Brücke sein könnte.
Wir müssen uns dazu ein paar Fragen stellen.

1. Wofür wurde man von seinen Eltern kritisiert?
2. Wie sollte man nicht sein?
3. Was durfte man nicht sein oder tun?

Daraus ergeben sich im erwachsenen Alter folgende Fragen:
4. Welche Eigenschaften verbietet man sich noch heute?
5. Welche Eigenschaften kann man bis heute an Mitmenschen, Kollegen, Freunden, Chefs etc. kaum oder gar nicht akzeptieren?
6. Was macht einen bis heute wütend?

Ich versuche mal, die Aussagen meiner Freundin mit Hilfe dieser Fragen aufzudröseln.

Zu 1: Wofür wurde man von seinen Eltern kritisiert?
Ich wurde oft dafür kritisiert, dass ich mich falsch verhalte. Dass ich nicht so handle wie sie es wollen. Ich solle an mir arbeiten und mich ändern. Ich wurde kritisiert, wenn ich Schwäche zeigte, also krank war oder traurig. Ich wurde kritisiert, wenn ich nicht die Leistung brachte, die sie einforderten.

Zu 2: Wie sollte man nicht sein?
Ich sollte nicht egoistisch sein. Ich sollte nicht laut sein. Ich sollte nicht faul sein. Ich sollte stark und kühl sein, nicht schwach und warmherzig. Ich sollte nicht weinen. Ich sollte nicht denken, dass ich was besseres wäre.

Zu 3: Was durfte man nicht sein oder tun?
Ich durfte nicht sagen, was ich wirklich möchte. Ich durfte nicht so sein wie ich bin, durfte nicht an mich denken. Ich durfte nicht herausfinden, was ich möchte und wer ich sein will. Ich durfte nicht Liebe einfordern. Ich durfte nicht schwach sein.

Zu 4: Welche Eigenschaften verbietet man sich noch heute?
Ich verbiete mir, nur an mich zu denken. Ich denke immer erst an den anderen und dann an mich. Ich verbiete mir, einzufordern, was ich möchte. Ich verbiete mir, mich in den Mittelpunkt zu stellen und offen um Anerkennung und Liebe zu buhlen. Ich verbiete mir, egoistisch, gemein und schwach zu sein.

Zu 5. Welche Eigenschaften kann ich bis heute an Mitmenschen kaum oder gar nicht akzeptieren?
Wenn Sie mir nicht mit Respekt begegnen. Wenn sie laut werden oder beleidigend. Wenn sie egoistisch und arrogant sind. Wenn sie mich klein machen und halten. Wenn sie mir sagen, dass ich so wie ich bin nicht ok bin sondern mich ändern muss.Wenn sie lieblos und kalt sind. Wenn auf sie kein Verlass ist.

Zu 6: Siehe Punkt 5. Es macht mich wütend, wenn man mir sagt, dass auf mich kein Verlass wäre. Wenn man mir sagt, ich sei schlecht. Wenn man meine Schwächen gegen mich verwendet. Wenn man sich als was besseres hält. Wenn man mir unterstellt, ich würde nur an mich denken.

Wenn ich das jetzt so sehe, denke ich, dass ich selbst respektlos mit mir umgehe. Dass deshalb auch meine Freundin so respektlos zu mir war. Genau das, was sie sagte, was ich bin, lehne ich ab. Ich möchte weder egoistisch, noch unbeständig oder lieblos sein. Aber vielleicht bin ich es in Bezug auf mich selbst – schließlich begegne ich mir nicht gerade tolerant, laufe oft vor mir selbst weg und behandle mich selbst auch nicht sehr liebevoll. Aber die Frage ist: Behandle ich mich selbst nur so, oder auch andere? Bin ich vielleicht wirklich egoistisch und lieblos zu anderen und will es nur nicht sehen??? Ich habe Freunde gefragt, aber sie sagen nein – sagen sie das nur, um mir nicht weh zu tun?

Meine Freundin ist auf jeden Fall ein Arschengel, denn da ist wieder jemand, der mir sagen will, wie ich bin und dass ich so nicht richtig bin. Jemand, der mir weismachen will, ich sei ein schlechter Mensch. Und DAS kommt mir ja doch sehr bekannt vor. Da ist immer noch eine Wunde, die heilen will. Ich habe es noch nicht geschafft, mit meiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Und solange ich mich selbst nicht genug respektiere, solange ich selbst nicht weiß, wer ich bin, so lange werden mir andere sagen, wie ich bin und wie ich sein soll. Meine Freundin sagte, ich müsse an mir arbeiten, erst dann sei ich gut genug für sie und ihre Tochter. In einem hat sie recht: Ich werde an mir weiterarbeiten. Aber nicht, um mich zu ändern, sondern um meine Wunden zu heilen… und ich möchte lernen, künftig anders zu reagieren. Mir das alles nicht so zu Herzen nehmen, mich nicht in ein Loch hineinziehen lassen, sondern früher zu erkennen: “Aha, hallo Schmerz, Du bist also noch da. Ich heiße Dich willkommen, ich liebe Dich.” Gut genug für meine Freundin oder andere werde ich nie sein und das ist auch totaler Unsinn, denn wer kann schon alle Erwartungen anderer erfüllen?
Liebe mich oder hasse mich, das ist mir gleich. Zählen tut nur eins: Ich möchte in den Spiegel sehen und mich annehmen und lieben mit allem, was da ist.

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