Von Chancen und unwahren Glaubenssätzen

Stein - Copyright by dome1990/flickr.com

Stein – Copyright by dome1990/flickr.com

Diese Tage sind sehr aufwühlend. Traurig wie bewegend zugleich. Glücksgefühle treffen auf Unzufriedenheit, Vergangenheit auf Zukunft. Ich treffe auf alte Glaubenssätze und beginne, sie in Frage zu stellen. Gleichzeitig bin ich streng mit mir, streng mit meinem Körper der jetzt krank sein will und streng mit mir, die sich immer wieder in alte Denkmuster verläuft. Doch eines will ich nicht – und das ist aufgeben. Ich will nicht mehr aufgeben, nicht mich selbst noch mein Leben. Ich will mich nicht mehr damit abfinden, ein unerfülltes Leben zu führen. Mich nicht mehr damit abfinden, mich mit mir selbst nicht wohl zu fühlen. Ich weiß, dass ich da auch mal etwas zu hart mit mir ins Gericht gehe. Dabei hilft auch das Schreiben, hier vermag ich es, Mitgefühl in meine Worte zu legen.

Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin. Noch nicht. Wenn mein Körper mir mal wieder zeigt, dass er stärker ist als mein Wille, kann ich es erst recht nicht. Dabei leistet er doch so gute Arbeit. Ich habe zwei gesunde Arme und Beine, ich kann die Farben der Welt sehen und den Duft der Menschen riechen. Ich kann atmen, ich kann lieben und ich kann träumen. Und trotzdem fehlt etwas zum Glücklichsein. Im Gegensatz zu früher ist es nichts äußeres. Es ist kein Auto und keine größere Wohnung, kein auf dem Papier toller Job. Was mir fehlt ist das Gefühl, meine Träume wahr zu machen. Das Gefühl, etwas zu tun, was ich liebe. Und dabei ganz ganz nah bei mir zu sein.

Wieviel Chancen gibt es im Leben? Unendlich? Nur eine? Bis zum Ende meines Studiums lebte ich in der Vorstellung, dass ich alle Möglichkeiten habe, dass mir die Welt offen zu Füßen liegt. Dass ich nur meine Flügel ausbreiten und losfliegen muss. Und dann sperrte ich mich selbst ein in den Käfig eines Bürojobs. Ich fühlte mich zwar von Anfang an dort nicht wohl, aber ich wollte es allen beweisen – allen voran meinen Eltern und mir selbst. Die Versuche, aus dem Käfig auszubrechen, ließen schnell nach. Irgendwann wurde aus dem mutigen, munteren und lebensfrohen Vogel ein stiller, trauriger, dessen Flügel keinen Platz mehr hatten, um sich auszubreiten. Ich baute mir eine Wenn-Dann-Welt auf. Wenn ich erst einen unbefristeten Vertrag habe, dann fange ich an zu leben. Wenn ich erst mehr Geld verdiene, dann erfülle ich mir meine Wünsche. Wenn ich gesünder bin, dünner bin, erfolgreicher bin u.s.w. – dann kann ich glücklich sein. Im Nachhinein erscheint mir diese Denkweise so absurd, dass ich mich ohrfeigen könnte. Und doch mache ich es heute an der ein oder anderen Stelle immer noch so. Wenn ich krank bin oder Schmerzen habe, dann bin ich nicht gut drauf. Wenn ich dies oder jenes nicht kann, kann ich noch nicht vollends zufrieden sein. Und auch jetzt wieder könnte ich mich dafür ohrfeigen.

Ich hatte diese Tage ein sehr schönes und ehrliches Gespräch mit einer Dame, die einen Blick dafür hat, wo andere Menschen in die Sackgasse laufen oder in ihrem eigenen Labyrinth herumirren. Wir haben eine ähnliche Geschichte und ich fühle mich mit ihr sehr verbunden. Mir wurde klar, dass ich immer noch sehr in alten Glaubenssätzen lebe und immer noch die Vergangenheit an mir nagt. Dass ich mich selbst blockiere und Frieden schließen muss mit mir und anderen, die mir einst weh taten. Heute hatte ich dann das starke Bedürfnis, eine Meditation zur Vergebung mit meiner Mutter zu machen. Diese Meditation stammt von Robert Betz, einem Transformationscoach, der Meditationen zu verschiedenen Themen anbietet. Ich habe diese Meditation also gemacht und sie hatte eine Wirkung auf mich, die ich nie für möglich gehalten hätte. Alte Gefühle kamen hoch, darunter Wut, Hass und Ablehnung, aber auch so etwas wie Liebe und Vergebung. All meine Vorwürfe, Ängste, Wut kam hoch und ich konnte endlich mal alles sagen, was ich meiner Mutter schon immer sagen wollte, aber mich nie getraut habe. Es war unfassbar aufwühlend. Traurig. Dass da solch starken Gefühle in mir hausen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Danach war ich erschöpft, aber froh, ihnen endlich ein Ventil gegeben zu haben.

Auch habe ich mich heute einigen Grundeinstellungen zum Leben gestellt. Mir war gar nicht bewusst, welchen Annahmen ich innerlich folge. Die Schlimmste und Härteste ist die, dass ich nicht liebenswert, sondern minderwertig bin. Hier ein kleiner Auszug aus dem Buch, was ich dazu gelesen habe, welche Auswirkungen ein solcher Glaubenssatz haben kann:
“Sie fühlen sich oft traurig, einsam, unsicher und ungeliebt. Sie haben kein Selbstvertrauen und sehen nur Ihre Schwächen. Sie fühlen sich sehr schnell verletzt, weil sie jede Kritik, jede Meinung, jedes Verhalten persönlich nehmen. Sie sehen alles als Beweis für Ihre Grundeinstellung, nicht in Ordnung zu sein. Sie haben Angst vor Menschen. Sie greifen andere an, um zumindest nach außen hin Stärke zu demonstrieren. Sie wagen nicht, nachzufragen, aus Angst, zu erfahren, dass ihre negative Sichtweise von sich stimmt. Sie haben Angst, sich zu binden, aus Angst verlassen zu werden. Sie wählen sich falsche Partner, die sie missachten und Ihnen weh tun, weil Sie glauben, keinen besseren verdient zu haben. Durch eine besonders liebenswerte und helfende Art hoffen Sie, die Zuwendung anderer zu bekommen. Sie stellen eigene Bedürfnisse und Wünsche zurück, um gemocht zu werden. Sie geben anderen die Macht über sich, lassen diese über Ihr Leben bestimmen. Sie können Komplimenten nur schwer annehmen. Sie vergleichen sich oft mit anderen und schneiden dabei immer schlecht ab.” (Quelle – 1)

Kannst Du Dir vorstellen, was es in mir ausgelöst hat, dies zu lesen? Ich dachte: Sie spricht von mir – Wort für Wort. Ich wurde unendlich traurig. Wie kann ich nur so von mir denken? Wie kann ich mich selbst nur so klein und unwichtig machen? Es ist eine Sache, von anderen Menschen verletzende Worte zu hören. Darauf habe ich keinen Einfluss, keine Kontrolle, das ist ihre Angelegenheit. Aber hier, das hier, das ist meine Angelegenheit. Es ist MEINE Aufgabe, einer Einstellung zu folgen, dass ich liebenswert bin. Es ist MEINE Aufgabe, mir Respekt zu zollen. Und MEINE Aufgabe, zu erkennen, dass nichts und niemand mir meinen Selbstwert streitig machen kann – nur ich selbst. Sich als nicht liebenswert anzusehen, bedeutet nur, dass ich meine Eigenverantwortung an andere abgebe. Ich überlasse es ihnen, über mich zu urteilen, zu richten. Ich überlasse ihnen meine Wünsche und Bedürfnisse, die Macht über mein Leben. Ist ja auch einfacher als selbst die Verantwortung für sich zu übernehmen. Einfacher, dann wütend auf andere zu sein, wenn sie es dann nicht so machen, wie ich es mir wünsche. Einfacher, ein Opfer zu sein als der Held meines eigenen Lebens.

Wie ist es möglich, unsere Grundeinstellungen/Glaubenssätze zu ändern? Nun, da gibt es verschiedene Herangehensweisen, die sich in ihrer Grundsubstanz ähneln. In dem Buch, aus dem das Zitat stammt, arbeitet die Autorin mit dem “ABC der Gefühle”. Das heißt:

A -> Beschreibt die Situation: Was passiert, was nehme ich wahr?
Auf diesen Part haben wir nahezu keinen Einfluss. Wir haben keine Kontrolle darüber, was andere tun oder sagen.

B-> Bewertung: Wie denke ich darüber, wie bewerte ich diese Situation?
Hier fängt der Punkt an, an dem wir Einfluss haben. Wie wir über etwas denken, hat Einfluss darauf, was wir fühlen.

C -> Gefühle, körperliche Reaktion und Verhalten. Wie fühle ich mich körperlich und seelisch? Was tue ich?
Auch hierauf haben wir Einfluss, z.B. können wir unsere körperliche Anspannung durch Bauchatmung oder Enspannungsmethoden reduzieren. Und wir können entscheiden, wie wir reagieren – aus einem Pool verschiedener Handlungsmöglichkeiten.

Um einen Glaubenssatz zu hinterfragen, fragen wir uns im ersten Schritt:

1. “Ist es wahr, was ich da denke? Wo ist der Beweis?”

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Antwort hier NEIN sein. Hinterfrage aber ruhig detailliert Deinen Glaubenssatz. Wenn Du hier mit JA geantwortet hast, frage Dich bitte nochmal genauer: Kannst Du es wirklich wirklich wissen, dass es wahr ist, was Du da denkst?

Bezogen auf “ich bin nicht liebenswert” könnte das lauten:
Wer sagt, welche und wieviele Schwächen man haben muss, um mich als minderwertigen Menschen einzustufen? Wer legt die Kriterien fest? Wer bestimmt, welche Eigenschaften als positiv oder negativ zu bewerten sind? Gibt es sowas überhaupt, einen minderwertigen Menschen? Ist diese Einstellung nicht eine rein persönliche Entscheidung? Was werfen Sie sich vor, verbrochen zu haben, um sich in dieser Form zu verurteilen? Gut, Ihre Eltern haben Ihnen oft gesagt, was Sie für eine Versagerin sind, aber gehören sie zum Jüngsten Gericht? Sind sie der Maßstab aller Dinge? SIE haben sich lediglich dafür entschieden, sich als nicht liebenswert und minderwertig anzusehen.

Kommen wir zum nächsten Schritt:

2. “Ist dieser Glaubenssatz hilfreich, um sich so zu fühlen und zu verhalten, wie Sie es wollen?” Oder “Bringt dieser Glaubenssatz Sie in Ihrem Leben weiter?”

Wahrscheinlich wird die Antwort auch hier NEIN sein.

3. Formuliere nun eine NEUE Einstellung, eine angemessene und hilfreiche Einstellung.

Z.B.: Was auch immer andere tun oder sagen, es hat nichts mit meinem Wert zu tun. Ich bin und bleibe ein liebenswerter Mensch.

Ergänzung durch Byran Katies “The Work” (Quelle – 2)

Katie stoppt an dieser Stelle noch nicht den Umwandlungsprozess. Sie fragt noch danach, welchen Grund es gibt, an diesem Glaubenssatz festzuhalten und welchen Grund es gibt, ihn loszulassen (was schafft mir das für einen Mehrwert für mein Leben?).
Anschließend vollzieht sie eine Umwandlung des Glaubenssatzes, teilweise indem sie die zwei Worte “Mein Denken” an die Stelle des “Ich” setzt. Für meinen Glaubenssatz “Ich bin nicht liebenswert. Ich bin minderwertig” wäre dies:
Mein Denken ist nicht liebenswert. Mein Denken ist minderwertig.
Ich bin nicht lieb zu mir. Ich werte mich ab.

Durch die Umkehrung eröffnet sich oft eine eigenverantwortliche Denkweise, die weitaus sinnvoller und produktiver ist als unser bisheriges Denken. Wir können diese Umkehrung mit allem machen was uns stört. Mein Mann sollte mir im Haushalt helfen – wird zu: Ich sollte meinem Mann im Haushalt helfen. Ich sollte mir helfen. Mein Denken sollte mir helfen. ODER Meine Freundin sollte netter zu mir sein – wird zu: Ich sollte netter zu mir sein. Ich sollte netter zu meiner Freundin sein. Mein Denken sollte netter zu mir sein.

Du siehst, unsere Glaubenssätze sind nicht starr und unbeweglich. Wir können mit ihnen spielen und manchmal wird uns dann erst klar, wie absurd der bisherige war. Erst durch die Umkehrung ergibt er einen Sinn und meist steckt darin viel mehr Wahrheit als der, den wir uns als Kinder zurechtgesponnen haben.

Ich werde in der nächsten Zeit mehr auf meine Glaubenssätze achten. ich werde mehr darauf achten, wie ich mit mir selbst spreche. Und ich nehme mir die Freiheit, darüber zu trauern, wie gemein ich oftmals zu mir gewesen bin. Wir alle können uns ändern, aber nicht für andere, sondern nur für uns allein. Denn es sind nicht die anderen, die traurig sind oder unglücklich, sondern wir sind es, die von diesen Gefühlen betäubt sind. Und nur wir können uns ihnen stellen. Ich wünsche Dir viel Kraft dabei.

Quelle 1: Wolf, Doris: Ab heute kränkt mich niemand mehr, Palverlag.
Quelle 2. Boerner, Moritz: Byron Katies. The Work, Goldmann Verlag. 

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