Von Ebbe und Flut

Copyright by Daniel Stark/flickr.com

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Inzwischen habe ich ja kapiert, dass Gefühle einem Auf und Ab unterworfen sind. “Es ändert sich auch wieder” sind Worte, die ich von meiner Therapeutin immer wieder eingetrichtert bekomme. Bei einem ungeduldigen Mädchen wie mir, dass schon in der Supermarktschlange angestrengt vor Ungeduld laut zu stöhnen anfängt oder die Geschwindigkeit der Infusion (wie vor zwei Tagen passiert) auf Maximum stellt, obwohl dies stets zu einem Augenrollen der Schwestern führt, damit es schneller geht, prallen solche Worte ab wie an einer harten Mauer. Wenn ich darüber nachdenke, dass ich vor einem halben Jahr erstmals bei meiner Therapeutin im Stuhl saß und ihr erklärte, dass ich diese blöden, schlechten Gefühle so schnell wie möglich weghaben will und was sie denn zu tun gedenke, damit ich bald wieder “die alte” bin – kann ich nur innerlich lachen.
Abfinden will ich mich nicht damit, dass ich mich energielos und schlecht fühle. Mit Gedanken wie “der Arzt muss doch was dagegen tun” oder “diese Therapie bringt überhaupt nichts, kein Stück geht es mir besser” setze ich mich nach wie vor unter Druck. So auch am heutigen Tag, der schon beschissen angefangen hat. Konnte er nur, nach gefühlt fünf Albträumen hintereinander. Oft träume ich, dass jemand ermordet wird, dass ich verrückt werde oder vor etwas davonlaufe. Oft weine ich im Traum, oft habe ich Angst im Traum. Dann – am Morgen – wache ich völlig erledigt auf. Auch heute, ein wunderschöner, irrsinnig warmer Sommertag. Ich saß den halben Tag in der Wohnung, ich war innerlich taub und leer. Bis ich mich aufraffte, um zu einem Bewerbungsgespräch zu gehen. Danach zog ich mich sofort wieder in die Wohnung zurück. Es war einfach zu heiß.Oder blendet die Sonne nur meine innere Dunkelheit?

Ich kann mich nicht freuen. Mein Kopf ist den ganzen Tag wie leer. Doch abends, wenn ich einschlafen möchte, fange ich das Grübeln an. Dann kommen die Gedanken wie Gewehrschüsse und zerreissen meine innere Stille. Darauf folgen wieder Albträume, ich wache wieder geschlaucht auf. Jeden Tag aufs Neue.

Doch ihr Lieben, um zurück zu kommen auf das Auf und Ab: Ich hatte ja den heutigen Tag schon abgeschrieben, dass kein gutes Gefühl mehr den Weg in mein Herz finden würde. Ich sah wie starr in den Fernseher, machte hier ein bisschen Haushalt und goss dort meine Blumen. Spät abends griff ich zu einem Buch von Sandra Ingermann mit dem Titel “Die Seele schützen. Wie wir uns von negativen Energien befreien”.
Ich schlug das Buch an irgendeiner Stelle auf (was nicht meine Art ist) und blieb mit den Augen an ein paar Zeilen hängen. “SIE HABEN DIE WAHL – IMMER.” Wie bitte, ich habe die Wahl? Ich lese weiter. “Wir alle sehen uns im Leben regelmäßig mit schwierigen Situationen konfrontiert. Dabei haben wir es in der Hand, wie wir auf solche Herausforderungen reagieren.” Ich verspüre bei diesen Worten eine Neugier, bin aber auch ein bisschen zornig. Heißt das, ich bin selbst schuld daran, dass ich mich schlecht fühle?

Und: Kann das denn funktionieren? (Es sei erwähnt, dass ich vor einigen Monaten bereits das System “positive Affirmationen” ausprobiert und für nutzlos befunden habe) Wenn ich traurig bin, fühle ich mich der Traurigkeit gegenüber so hilflos. Sie dann anzunehmen fällt mir immer noch sehr schwer. Viele spirituelle Lehrer folgen diesem Konzept, sich mit allem was man ist, nicht nur seinen positiven Emotionen wie Freude, Glück oder Liebe, sondern auch seine negativen Emotionen wie Wut, Hass oder Eifersucht anzunehmen. Sich als Ganzes mit all den eigenen Stärken und Schwächen annehmen können, ist ein wichtiger Bestandteil spiritueller Heilung. Die Wahl zu haben, birgt eine Chance – nicht mehr hilflos zu sein gegenüber dem Körper- und Seelengefühl. Die Autorin bietet hierzu eine Übung an:
“Begegne Menschen, die bisher negative Reaktionen in Dir ausgelöst haben, von nun an konsequent mit Mitgefühl, einem echten Gefühl von Liebe und Wertschätzung. Du wirst beobachten, dass sich das energetische Muster der Situation positiv verändern wird.” Ich werde es mal ausprobieren. Vielleicht nicht gerade am schwierigsten Objekt (meiner Mutter), die in mir stets die negativsten Reaktionen auslöst, aber vielleicht mit anderen Personen, die ein negatives Gefühl in mir hervorrufen. Vielleicht die Frau an der Supermarktkasse, weil sie mal wieder so lange braucht oder ein Arzt, der mich so schnell wie möglich abfrühstücken will. Ich probiere es aus und werde euch berichten. Probiert es doch auch mal aus, würde mich interessieren, ob das funktioniert und was eure Resonanz ist. Ich bin gespannt!!!

Nun, was soll ich sagen. Das Buch, die Zeilen, haben mir einmal mehr wieder meine trüben Gedanken vertrieben. Es tut mir gut, darüber zu lesen, ja schon fast zu erforschen, dass dieser Gegenwartszustand nicht alles ist. Dass ich mehr bin als eine Diagnose, mehr bin als meine Gedanken, mehr bin als meine Gefühle. Da ist noch mehr, irgendetwas, was über allem steht. Und scheinbar haben wir Zugriff darauf. Wie sonst ließe sich dieses Auf und Ab von Gefühlszuständen erklären? Ich weiß nicht, was da ist, ich kann es nicht fassen und noch weniger begreifen. Aber ich spüre es. Gläubige Menschen würden es vielleicht mit Glauben erklären. Kinder mit ihrer reinen Art, intuitiv zu handeln und zu fühlen. Beides ist mit auf dem Irrweg meines Lebens verloren gegangen. Aber ich bin dabei: Dabei, Glaube und kindliche Intuition wiederzufinden.

Körperlich und Seelisch geht es mir dennoch derzeit nicht gut. Ich empfinde kaum mehr Freude. Ich verstecke mich – vor meinem Leben, vielleicht sogar vor mir? Wenn ich könnte, würde ich gerne manchmal auf mich einprügeln, damit ich aufwache und endlich zu leben anfange. Es sind solch kleinen Momente, die ich mit mir selbst erlebe oder mit anderen – derzeit meistens fremden Menschen, die mich derzeit am Leben erhalten und mir Mut machen. So traf ich heute eine ältere Dame während meines Vorstellungsgespräches und sie schloß mich sofort in ihr Herz. Ihre Offenheit und Herzlichkeit hat mich derart geflasht, dass ich sie ebenfalls sofort in mein Herz schloß. Oder mein Bruder, der mir so viel bedeutet und dem ich es viel zu selten sage, weil ich es nicht gelernt habe, Familienmitgliedern gegenüber liebevoll zu sein und zu sagen: ich hab dich lieb. Das ist wie eine Mauer, die ich immer wieder aufs Neue einreißen muss, um diese vier Worte auszusprechen. Gegenüber meiner Oma schaffe ich es und bei meinem Bruder auch immer öfter. Heute habe ich sie wieder eingerissen, diese Mauer aus emotionaler Distanz, denn es gibt nichts wichtigeres auf der Welt, als Menschen, die man liebt, eben genau dies auch zu sagen und zu zeigen. Aber auch das muss man üben, immer wieder und wieder, bis es irgendwann von ganz allein geht.

Erkenntnis des Tages: Es sind oft Kleinigkeiten wie eine herzliche Begegnung oder ein paar Zeilen in einem Buch, die Lebenslethargie und Traurigkeit vertreiben können.
 

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