Von Erdung und Erleuchtung: Ein Weg zu mir selbst

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Es ist lange her, dass ich inneren Frieden spürte so wie ich ihn heute spüre. Heute bin ich ganz nah bei mir, auch wenn ich gar nicht weiß, wo das ist. Ich bin da. Und ich bin da, wo ich bin. Ich fühle das Kribbeln unter meiner Haut, ich rieche den Duft der Körperlotion, mein Atem geht zufrieden tief. Fast ist es, als würde er die Luft anhalten, nur um die Tiefe des Atmens auszukosten. Mein ganzer Körper ist in Ruhe gehüllt. Ich fühle mich wie der Berg, von dem in Meditationen so oft gesprochen wird. Sei der Berg, der im Tumult des Lebens ruhig und gelassen bleibt. Der Stürmen trotzt und stark und kraftvoll seinen Platz in der Natur einnimmt.
Ich wollte immer dieser Berg sein. Ich wusste ich wäre ein guter Berg, der seinen Bewohnern ein schönes Heim und Schutz bieten würde. Doch das kurzminütige Rollenspiel in Meditationen hat mich meinem inneren Berg nicht näher gebracht. Im Gegenteil, sobald ich die Augen öffnete, rollte der Sturm des Lebens über mich und nahm alles an Ruhe mit, was ich in der Meditation gewonnen hatte.

Heute bin ich der Berg. Heute ist Muttertag und es ist nicht der Tag meiner Mutter. Es ist mein Tag. Ich habe ihn zu meinem Tag gemacht, nicht aber weil ich es so beabsichtigt hatte. Ich erinnerte  mich daran, wie sehr ich die ausgiebigen Spaziergänge mit meinem Hund genossen hatte. Und so beschloss ich heute morgen, mit ihm in unser altes Waldgebiet zu fahren, der uns so viel Freude bereitet hatte. Mit Ball, Dummy-Beutel und einer großen Portion Entschlossenheit bewaffnet machten wir uns auf.

Ich war fast überrascht, als ich Spaß hatte. Als ich mich laut lachen hörte wenn mein Hund wie wild dem Ball hinterherrannte. Wir machten Übungen, die meine Geduld auf sehr harte Probe stellten. Dann spielten und spazierten wir. Ich merkte wie nach und nach Last von meinen Schultern fiel. Er blieb regelrecht auf der Strecke. Ich tat nichts, außer mit meinem Hund zu sein. Dann passierte etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte.

Ich zog meine Schuhe aus und ging barfuß. Und das sollte heute alles verändern. Es war komisch, so geerdet zu sein. Steine bohrten sich in meine Fußsohlen, es piekste, es schnitt, teilweise tat es richtig weh. Ich spürte den Drang, dem Schmerz zu entgehen und die Schuhe wieder anzuziehen. Doch ich lief weiter. Nadelboden wechselte sich ab mit Sand, Erde, Blätter, Wurzeln, Steine. Jeden einzelnen Stein, jede Nadel die mich piepste, jeder Sand, der meinen Fuß streichelte, nahm ich bewusst wahr. Ich dachte darüber nach, dass das Leben genau wie dieser Waldboden ist. Du weißt beim nächsten Schritt nicht, ob es schmerzen oder wohl tun wird. Du weißt nicht, was Dich erwartet und trotzdem gehst Du weiter. Und egal wie groß der Schmerz unter Deinen Füßen ist, Du gehst einfach weiter. Denn beim nächsten Schritt könnte schon wieder weicher Erdboden unter Deinen Füßen sein und Du würdest Dich gut fühlen. Genau so war mein Leben – ich ging immer weiter, obwohl ich so viel Schmerz erfahren hatte. Und als mir das klar wurde, entdeckte ich die Liebe zu mir.

Es geht nicht darum ob es weh tut oder sich gut anfühlt. Es geht darum, dass wir weitergehen. Dass wir nicht stehen bleiben oder es uns leicht machen und die Schuhe anziehen. Wir gehen weiter und erleben Schmerz, aber auch Freude und Wohlgefühl ganz intensiv. So ist das Leben, das ist das Leben.

Mir fiel auf, dass ich zu Beginn immer auf den Boden geschaut hatte. Ich versuchte, Steinen und Wurzeln auszuweichen, dem Schmerz zu entgehen. Das gelang mir nicht wirklich. Irgendwann nahm ich bewusst den Kopf hoch und schaute straight forward. Ich bemerkte das tiefe Grün der Bäume und wie friedlich es um uns herum war. Mein Hund lief bei Fuß nehmen mir und wunderte sich wohl, er bekommt meine Gefühlswelt immer hautnah mit und spürt, wenn ich friedlich bin. Und so liefen wir und egal welcher Stein meinen Fuß schmerzte, ich ging weiter. Ich blieb nicht stehen. Ich war sehr überrascht, wie angenehm der Waldboden ist. Nadeln werden in der Masse zu einem weichen Bett, Wurzeln waren gar nicht unangenehm und die kühle Erde linderten meine Fußsohlen, die inzwischen tief durchblutet waren.

Zuhause angekommen säuberte und massierte ich meine Füße, sie haben mir heute eine neue Welt gezeigt. Ich bin tief dankbar. Ich hatte nichts großes getan, nichts außergewöhnlich-erleuchtendes. Ich habe mich nur geerdet, indem ich die Erde und alles was mit ihr zu tun hat spürte. Ich habe gelernt, dass aller Schmerz vergeht und wir nicht wissen können, welcher uns als nächstes trifft. Wir können nichts gegen ihn tun, außer unseren Weg weiterzugehen. Den Kopf erhoben mit Blick nach vorne und jeden Schritt genießen. Wenn wir beginnen, nicht mehr zu bewerten sondern dem Auf und Ab neugierig und offen wie ein Kind zu begegnen werden wir feststellen, dass es gar nicht schlimm ist, wenn es gerade weh tut. Schmerz kann uns helfen, noch stärker zu werden, noch klarer zu sein und noch weiter nach vorne zu gehen. Er hilft uns dabei, uns zu spüren und uns damit im Nichtfühlen des Alltags wiederzufinden. Es ist aber auch klar, dass auch ein Wohlgefühl kommen wird. Vielleicht nicht beim nächsten Schritt, vielleicht nicht morgen. Aber es wird kommen.

Und wenn Schmerz und Wohlgefühl gegangen sind, dann sind wir die, die bleiben. Menschen in Frieden, die bleiben.

 

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