Von Trauer und Mutmachzitaten

Copyright by Alice Popkorn/flickr.com

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Ich habe heute in einem Fernsehfilm ein Zitat aufgeschnappt. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es eben noch nicht zu Ende.“ Kann darin ein Stückchen Wahrheit stecken? Ist meine Reise noch nicht zu Ende, weil sie noch keinen guten Ausgang hat? Gibt es das, ein Happy End des Lebens? 

 
Ich bin in letzter Zeit sehr sentimental. Ob es die Nachricht einer Freundin ist, dass sie geheiratet hat oder die Begegnung mit meiner alten Deutschlehrerin, um die ich mir bereits Sorgen gemacht hatte und der ich nun im Supermarkt zufällig gegenüberstehe oder mein erstes Bild, ein Leuchtturm am Meer, das ich in der Reha gemalt habe und was nun die Badezimmertür ziert, ich immer daran vorbeilaufe mit einem leichten Lächeln und nun, plötzlich spät am Abend, stehenbleibe und es mir lange ansehe, von der kleinen Möwe in der Ecke bis zu den nicht ganz geraden Linien, ich mit den Fingern über die Pastellkreide streiche… – in solchen Momenten bin ich so gerührt, dass ein paar Tränen kullern. Ist das normal? Unnormal? Vielleicht gibt es auch dagegen eine Tablette. Schließlich gibt es gegen alles eine Tablette. Nur schlucken, man braucht nicht einmal Wasser, und das Problem ist gelöst. Die Schmerzen weg. Die Traurigkeit weg. Die Gefühle weg. Eigentlich ist das Leben doch ganz einfach. 

Neben Sentimentalität begleitet mich in den letzten Tagen ein anderes Gefühl. Und das ist Trauer. Der Besuch bei der Schamanin Tonga hat mich aufgewühlt. Weil ich noch Angst hatte, selbst auf Reisen zu gehen und  viele Fragen hatte, hat erst einmal Tonga eine Kraftreise gemacht und dabei ihre Krafttiere mit meinen Fragen gelöchert. Und sie hat Antworten bekommen. Auf meine Frage, was ich für meine seelische und körperliche Gesundheit tun kann, sagten die Krafttiere, ich müsse mein Inneres Kind heilen. Tonga hat dabei sehr viel Traurigkeit und Angst gespürt. Und nicht nur sie. Wir lagen bei der Reise nebeneinander, Tonga hielt mich bei der Hand und ich spürte eine unfassbare Energie, die von dieser Hand und dieser zierlichen Frau mit den stahlblauen Augen ausging. Mein Körper reagierte, als wäre er in Trance, mit Schwere und der Atem ging flach. Bilder malten sich vor meinen Augen, wie ich als kleines Mädchen neben Tonga stehe, sie hält mich fest an der Hand während sie mit ihren Krafttieren spricht, was zu tun ist. Ich sehe mich da stehen und mein Gefühl dabei ist das eines Kindes, das Schutz sucht und Trost. Vor meinen Augen entsteht eine Bitte, ein Flehen…hilf mir, helft mir…lasst mich nicht allein.
Als mir Tonga hinterher von der Reise berichtete, war ich von meinen Gefühlen überwältigt. Dass wir zur gleichen Zeit ähnliche Empfindungen hatten, dass sie diese Traurigkeit gespürt hat und ich auch, hat mich sehr berührt. Sie sagte, ihre Aufgabe sei, mich zu halten, damit meine Traurigkeit nicht ins Bodenlose fällt. Ich war überwältigt. Diese mir noch gänzlich unbekannte Frau begegnete mir, als würden wir uns seit Ewigkeiten kennen. Als könnte sie meine Gefühle lesen und meine Gedanken dazu. Da war eine Energie zu dieser fremden Frau wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Auch noch Stunden, ja Tage danach, auch während ich dies schreibe, kullern mir die Tränen in reißenden Endlosschleifen über die Wangen.
Seit diesem Tag trauere ich. Ich weiß nicht genau um was. Um meine Kindheit, um all die traurigen und einsamen Momente als Kind, als Jugendliche. Ich trauere um das kleine Mädchen, das so verloren war. Ich trauere um die Erwachsene, die so verloren ist. Ich trauere um mein Leben.
Und während ich so trauere, graben die Tränen tiefe Furchen in mein Gesicht.
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