Warum wir immer die Wahl haben und nach unseren Werten leben können

Copyright by Rubert Ganzer/flickr.com

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Manchmal ist es ganz schön schwer, sich nicht unterkriegen zu lassen. Immer dann wenn irgendwas einem einen Knüppel zwischen die Beine haut. Da kann man ganz schön unsanft auf dem Boden der Tatsachen landen und sich blaue Flecke holen. Es kann uns auch so vom Weg abbringen, dass wir völlig orientierungslos sind.
Da könnte ich dann einfach nur schreien und mich in Selbstmitleid ertränken. Ich denke, das ist auch wichtig, das dann auch mal zuzulassen. Aber immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass das auf Dauer keine Lösung ist.

Wie Russ Harris in seinem Buch “Wer vor der Angst davonläuft wird von ihr eingeholt” sagte, gibt es nur drei Möglichkeiten, auf eine schwierige Situation zu reagieren:

1. Weglaufen (d.h. ablenken und es verdrängen)

2. Es akzeptieren und versuchen zu ändern

3. Es akzeptieren und wenn man es nicht ändern kann, trotzdem nach seinen Werten leben.

Meine momentane Verfassung tendiert zum Weglaufen. Ich möchte die Angst nicht spüren und am Liebsten gar nicht daran denken, dass meine Blutwerte wieder so schlecht sind und ich evtl. ins Krankenhaus und Cortison nehmen muss. Da ich aber weiß, dass Variante 1 nicht das Problem löst, sinniere ich nun über 2 und 3 nach. Ich bin nicht sicher, ob und was ich gerade ändern kann. Irgendwie ist das ja genau das typische am Crohn – das man ihn nicht kontrollieren und auch nicht stoppen kann. “Hilfe suchen” sagen meine Freunde – ja das tue ich. Es ändert jedoch gerade nichts an der Angst, die mich geißeln will, die ihren beschissenen Samen in meinen Nährboden setzt und wie Unkraut meiner Stärke nun die Sonne rauben will.
Andere verstehen das oft nicht – was da bedeutet für einen und was da für Ängste in einem ablaufen. Das ist okay. Wie könnte ich nachvollziehen, wie sich ein Krebskranker fühlt oder wie es wäre im Rollstuhl zu sitzen? Ich könnte es nicht nachvollziehen – also erwarte ich das auch nicht von anderen. Ich freue mich einfach darüber, dass andere daran anteil nehmen – das alleine tut mir schon sehr gut.

Ich bin in den letzten Monaten sehr gewachsen. Ich fühlte mich gut mit mir und meinem Leben. Ich bin glücklich über jeden einzelnen Menschen, der gerade in meinem Leben ist und ich freue mich über jedes neue bezaubernde Wesen, das sich neu in meiner Welt einfindet. Ich habe viel für meine Gesundheit getan – körperlich wie seelisch. Ich habe sie gestärkt, genährt, ihr all meine Aufmerksamkeit und Liebe geschenkt. Da trat natürlich der Schatten der Krankheit in den Hintergrund. Man vergisst die Schmerzen, die Macht der Krankheit über den Körper, die Ängste. Und nun: Alles wieder da. Ich spüre wie sie wieder Besitz von mir ergreifen will. Aber diese verdammte Krankheit kann vielleicht Macht über meinen Körper haben, Macht über meinen Geist werde ich ihr nicht geben. Ich werde heute an ganz viele schöne Momente denken. Und an die Menschen, die ich liebe und die mir Halt geben. Ich werde an die tolle berufliche Chance denken, die ich trotz Crohn ausüben kann und die immer da sein wird – auch wenn ich einen neuen Schub habe. Ich brauche keine Angst mehr zu haben, dass man mich rausschmeißt, dass ich meinen Job verliere. Welch eine Erleichterung! Was für eine Sicherheit mir da zuteil wird! Ich atme auf.

Ich glaube, ich entscheide mich für heute für Option 3. Ändern kann ich heute nichts, wir haben Wochenende und abgesehen davon habe ich nötige Schritte gestern schon eingeleitet. Also versuche ich nach meinen Werten zu leben. Und dazu gehört “Freundschaft” und “liebevoll mit mir selbst umzugehen”. Deshalb bin ich vorhin bei meiner lieben Freundin und Lieblingsnachbarin vorbei – mit Blümchen und Schokolade, einfach um ihr damit zu sagen wie lieb ich sie habe und sie kurz zu drücken. Jetzt gehts mir besser :-) ich werde mich für den Rest des Tages nicht selbst kritisieren, auch nicht für meine Angst verurteilen. Ich lass sie einfach kommen und werde sie gedanklich umarmen. Jetzt lächel ich, ein wohliges Gefühl breitet sich aus. Variante 3 war eine gute Wahl.

Die stärkste Waffe gegen die Angst ist die, nach den eigenen Werten zu leben

Was mir der heutige Tag deutlich zeigt, ist, dass wir manche Herausforderungen nicht ändern können und – egal wie gut wir unser Leben wieder im Griff haben, es immer wieder Situationen geben wird, die uns an unsere Grenzen bringen. Gerade bei einer chronischen Erkrankung kann man davon ausgehen, dass sie einem irgendwann wieder in den Arsch tritt. Und machen wir uns nichts vor – die Ängste laufen wie ein Schatten hinter euch her, sie einfach loswerden ist nicht möglich.
Anstatt wie früher schneller zu laufen, gar vor der Angst wegzurennen, können wir jetzt stehenbleiben, uns ruhig umsehen – und die Situation mit allem was ist betrachten – und uns dann immer wieder neu entscheiden, welche Variante (1, 2 oder 3) wir wählen wollen. Und wenn wir morgens 3 sind, können wir trotzdem abends in die 1 fallen – so what. Entscheiden wir uns am nächsten Morgen eben wieder neu. Wir können der Angst nicht entfliehen, aber ihr positives entgegensetzen. Gute Gefühle, liebevolle Gefühle und unsere Werte. Mutig ist ein anderer Wert, den ich leben will. Deshalb entscheide ich mich, so mutig zu sein und ins KH zu gehen, wenn es notwendig ist.

In der Theorie sind solche Ansätze meist verständlich, in der Praxis merkt man dass das gar nicht so einfach ist, gewohnte Muster wie z.B. sich bei Kummer abzulenken oder Ängste weghaben zu wollen, zu ändern. Ihr seht, auch ich bin noch dabei, jeden Tag zu lernen. Meine Crohn-Diagnose ist nun fast auf den Tag genau zwei Jahre her. Vielleicht werde ich immer wieder die gleiche Angst spüren – bis zu meinem Lebensende, aber ich weiß jetzt, ich habe immer die Wahl wie ich mit ihr umgehe.

 

 

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