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Wer bin ich – ohne das Essen?

Ich lese gerade ein Buch, das mich sehr beschäftigt. Darin geht es um Essstörungen oder mehr, warum manche Menschen Essen als Mittel nutzen, um ihre Gefühle zu unterdrücken, ihre Leere zu füllen und mit Kummer klarzukommen. Mir war schon immer bewusst, dass ich esse, weil ich bereits als Kind an Hunger litt. Hunger an Liebe. Ich litt schon damals sehr, so sehr, dass ich manchmal den Schmerz kaum aushielt. Glaubt mir, ich hatte ein großes Kuscheltier (dieses habe ich heute noch), das all meine Tränen immer aufsaugen musste. Ich weiß noch, dass es oft komplett durchnässt war. Dass ich oft so viel schluchzte, dass ich danach heiser war. Und ich weiß noch, dass mir das Essen der einzige Trost war.

Dieses Muster hat sich bis heute wie eine Konstante in meinem Leben gehalten. Ja, vielleicht war es die einzige Konstante, die es überhaupt jemals in meinem Leben gab. Ich konnte mich wirklich gut auf das Essen verlassen. Es war immer für mich da. Es passte sich meinen Bedürfnissen an, wenn ich Lust auf Süßes hatte, schob ich mir Schokolade rein. Ja, dem Essen war es wichtig, wie es mir ging. Hier konnte ich meinen Bedürfnissen nachgehen. Hier konnte ich mich fallenlassen. Hier konnte ich SEIN.

Das klingt pervers oder? Ich weiß *lächel* aber so ist das, das ist sie, die nackte Wahrheit. Was aber auch die Wahrheit ist, ist die Tatsache, dass ich mich mein ganzes Leben lang gehasst habe. Dass ich mich nie so gut fand wie ich bin. Ich wollte immer anders sein. Vielleicht hätten mich meine Eltern dann lieb. Vielleicht würden sie dann stolz auf mich sein. So dachte ich jahrelang. Ich wollte immer anders sein, irgendwie besser. Die perfekte Tochter, die erfolgreiche, die schöne, zu der man aufschauen kann. Ich war überzeugt davon, wenn ich nur schlank wäre, würden sie mich lieben. Gleichzeitig aß ich. Dazwischen nahm ich immer wieder mal ab. Dann aß ich wieder. Egal wie ich war, es änderte sich nichts.

Die meisten Menschen – und ich beziehe mich da ausdrücklich mit ein – sind ihr ganzes Leben lang damit beschäftigt, sich zu einem “besseren” Menschen zu machen. Weil wir uns nicht akzeptieren wie wir sind, tun wir Dinge, die unser Ich verbessern sollen. Wir lächeln, obwohl uns nach weinen zumute ist. Wir gehen zum Spieleabend, obwohl wir lieber allein sein wollen. Wir arbeiten so viel, dass wir davon krank werden, weil wir denken, dass wir als erfolgreicher Mensch glücklicher sind. Und wir machen Diäten, weil wir denken, wenn wir nur schlanker sind, werden wir mehr geliebt. Sind begehrenswerter. Und mögen uns mehr. Dem scheint nicht der Fall zu sein – laut der Autorin des Buches. Sie hat selbst ihr Leben lang Diäten gemacht und danach wieder zugenommen. Und begegnet in ihren Retreats hunderten Frauen, die schon einmal schlank waren und dennoch nicht glücklicher. Wenn wir wieder einmal gescheitert sind, wir wieder mal eine Diät abbrechen, bestrafen wir uns noch mehr.

Ich esse, wenn ich traurig bin. Wenn ich mich einsam fühle. Wenn etwas nicht so klappt wie es soll. Wenn ich wütend bin oder gereizt. Wenn ich gestresst oder überfordert bin. Und um mich zu belohnen, mir was zu gönnen, Genuss zu empfinden. Wenn man es so sieht, gibt es immer einen Grund.

Die Autorin schreibt, dass Veränderung erst möglich ist, wenn uns klar ist, was wir über uns denken. Damit ist das gemeint, was uns unsere “Geschichten”, die wir als Kind verinnerlicht haben, weismachen wollen. Was wir wirklich vom Leben halten. Ob wir als Single wirklich so happy sind. Und warum Erfolg uns zu einem besseren Menschen macht. Alle Gedanken, die wir uns selbst nicht eingestehen, aber die unterschwellig immer da sind.

Was hätten wir noch im Leben, wenn wir das Essen als Betäubungsmittel nicht mehr hätten?

Wir dürfen nicht mehr vor uns selbst weglaufen. Ich will nicht mehr vor mir selbst weglaufen. Ich will mich nicht länger betäuben. Ich habe mich 31 Jahre lang betäubt. Das, was passiert ist, liegt lange zurück. Und immer noch betäube ich mich, um den Schmerz von damals nicht fühlen zu müssen. Oder besser, seine Auswirkungen. Die Unzufriedenheit. Das Unglücklichsein. Die Einsamkeit. Der Mangel an Liebe. Wie es ist, mir selbst Liebe zu geben weiß ich nicht. Das Essen war meine Liebe. Wenn das nicht mehr ist, was mache ich dann? Wie fühlt sich das Leben an, wenn man nicht betäubt ist? Kann ich mich im Spiegel ansehen, wenn ich erkenne, wer der Mensch hinter alldem wirklich ist? Kann ich mich überhaupt lieben, wenn ich mich so sehe?

Einer dieser Nächte in denen Trauer und Glück nah beieinander liegen

Ich muss da durchgehen. Aber ich habe Angst. Gleichzeitig spüre ich Leichtigkeit. Der Gedanke, das Essen endlich loslassen zu können, um ich zu sein, ist ein guter Gedanke. Den ganzen Abend saß ich im Schneidersitz im Bett. Das Buch auf dem Schoß, den Labtop daneben. Ein Glas Wein davor. Und im Arm mein altes Kuscheltier, das, was schon so viel mitgemacht hat. Und während ich las und schrieb weinte ich. Aber ich lächelte unter den Tränen. Denn zum ersten Mal ergibt das alles einen Sinn. Als würden sich Puzzleteile ineinander fügen. Auf einmal sehe ich Licht am Horizont.

Es geht nicht darum, das Glück zu finden. Es geht darum, mich selbst zu lieben und alles Leid, was ich mir selbst zufüge, zu beenden.

 

 

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