Wunder geschehen. Irgendwann, irgendwo auf der Welt

Copyright by Roman Pfeiffer/flickr.com

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Ich muss schreiben. Jetzt. Sofort. Vielleicht weil ich sonst schreie. Oder weine. Oder beides. Vielleicht weil ich sonst ersticke. Oder nicht mehr das Gefühl habe, zu leben. Das Badewasser wird indes kalt – scheißegal! ich muss jetzt schreiben.

Aber über was? Über meine Schmerzen? Über die gedrückte Stimmung, die ich meinem Antibiotikum verdanke? Über dieses längst vergessene, aber vertraute Gefühl, ohnmächtig zu sein? Wen interessiert das schon. ich kann mich selbst nicht mehr darüber reden hören, ja nicht einmal darüber schreiben lesen.

Ich werde darüber schreiben, wo in meinem Körper sie sitzt, die gedrückte Stimmung. Wo die Angst, die Schmerzen sich verstecken. Ich will über mein Herz erzählen, dass im wilden Takt eine Symphonie spielt. Dass mein Atem sein Dirigent ist. Manchmal spielt er langsam, manchmal halte ich ihn an und manchmal atme ich ganz tief, bis in mein Becken. Bis in die Fußsohlen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Atem meinen Brustkorb sprengt, so engt er mein zartes Herz ein. Es schlägt kräftig und tief, als wolle es sich freiatmen, frei machen von der Enge und der Starrheit. Ich spüre bei jedem Einatmen, wie sich meine Brust hebt und beim Ausatmen zusammenzieht. Solange Du atmest, solange lebst Du – war ein Satz, den ich einst in einem Buch gelesen habe. Er ist so simple und doch wahr.


Wenn man hoffnungslos ist, depressiv oder einfach nur traurig, den quält der Gedanke, dass einen der Schmerz umbringen könnte. Woher sollte man auch wissen, wieviel ein Mensch aushält. Oder ein Herz.
Solange Du atmest, solange lebst Du. Mit mir atmen in diesem Moment Millionen Menschen die gleiche Luft. Erstaunlich, dass sie dennoch klar und frisch ist -es ist für jeden genug da.

Ich habe nach genaueren Recherchen festgestellt, dass mir die Angst nicht im Nacken – nein, im Halse steckt. Und dass sie gleichzeitig mit ihrem breiten Arsch auf meinem Brustkorb Platz genommen hat. Mittlerweile habe ich schon das Gefühl, als seien meine Rippen erstarrt. Es fällt mir schwer, frei zu atmen.Auch wenn ich traurig bin oder ohnmächtig, bekomme ich keine Luft mehr. Es ist als schnüre mir eine unsichtbare Kraft die Kehle zu, verstopft mich mit seinem verdammten Dreck.

Mein Nacken ist gleichwohl steinhart. Hier sitzt die Last der letzten Jahre. Immer mehr habe ich mir aufgeladen. In der naiven Zuversicht, sie würden diese schon tragen können. Meine Schultern ziehe ich nach vorne und ein Stück nach oben. Sie sind meist angespannt, genauso wie ihre Schulterblätter. Sie in ihre natürliche Position nach hinten zu ziehen, schmerzt. Wie so oft wünsche ich mir einen fähigen Masseur, während ich meine Schultern auf und ab bewege, jeden meiner Muskeln spüre und daran denke, dass mich schon vor vielen Jahren meine Heilpraktikerin darauf aufmerksam machte, dass ich fürchterlich angespannt sei. Angespannt? Das habe ich damals nicht einmal wahrgenommen. Geschweige denn hätte ich lokalisieren können, welche Bereiche, welche Muskeln angespannt sind. Inzwischen weiß ich recht gut, wo meine Gefühle sitzen.

Der Stress? Der sitzt im Bauch. Der dreht sich mir um, wenn ich mich ärgere. Er schmerzt, wenn ich drohe, zu spät zu kommen oder vor einem wichtigen Termin. Und der Bauch ist auch zuverlässig darin, all den Ballast abzustoßen, den ich all die Jahre zu gern in mir aufgenommen hatte. Wut und Ärger runterschlucken, darin bin ich gut. Das ist mir schon alles klar. Aber wie ich das ändern soll, da stehe ich vor einem riesigen Fragezeichen. Ich war und bin einfach eine praktische Person. Ich halte nichts von Theorien und Erklärungen – gut und schön. Doch was hilft es, wenn man die Theorie nicht umsetzt.

Ich weiß, ich mute meinem Körper viel zu. Das weiß ich. vielleicht muss ich deswegen jetzt schreiben, weil ich sonst meine Gedanken, meinen Kummer und meine Einsamkeit an meine Blutbahnen, in meine Zellen und meine Organe weiterreiche.

Ich glaube, dass es für jedes Problem eine simple Lösung gibt. Und dass diese Lösungen oft unkonventionell sind oder verschmäht werden. Ich glaube, dass ich wieder komplett gesund werden kann. Damit meine ich, auch meinen Morbus Crohn, der bis jetzt als nicht heilbar gilt. Ich glaube, dass das geht. Ich fühle es.

Warum sollten auch keine Wunder geschehen? Sie geschehen. Irgendwann, irgendwo auf der Welt.

Und jetzt stehe ich auf, strecke mein schmerzendes Kreuz, hebe das Kinn in die frische Herbstluft und mache weiter mit dem was Leben heißt.

Carpe diem.

 

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